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Welcher Wechsel doch im Leben
tiefe Stille hier und Leid.
Dort - bei arbeitsamen Streben
Jugendglück und Fröhlichkeit
(aus Lieder von Nonnen, Toten und Vampiren)
usikalisch
befinde ich mich plötzlich in einem Vakuum: meine Skiffle-Band „The Night-Revellers“
hat sich schon vor Urzeiten wegen Arbeitsmangels aufgelöst, im
Posaunenchor bin ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr aktiv, auch der
Kantorei habe ich nach meinem Stimmbruch Adee gesagt und für das
Schulorchester ist aufgrund meines Alters mittlerweile auch kein Platz
mehr frei. Ich spiele zwar von Zeit zu Zeit Tuba in der
Universitäts-Jazzband der Uni Bochum, aber ich bin verzweifelt auf der
Suche nach einer neuen musikalischen Herausforderung.
Da Bernhard mit seinen Songs - er hatte mittlerweile das Prädikat
"Protestsänger des Ruhrgebiets" angehängt bekommen - auch
nicht mehr so richtig glücklich ist ("ich spiel vor Kumpels und hab noch nie im
Leben richtig malocht: die lachen sich ja kaputt über mich") und
wir des öfteren zusammen musizieren, entwickelt sich irgendwie und -wann
aus diesem Zusammenspiel die Idee, alte Bänkellieder, Vampirtexte,
Trauer- und Totengedichte, Moritaten und Lyrik aus alten Büchern, die wir
in dieser Zeit lesen, zu vertonen. Mit Gitarre und Ukulele packen wir die
ersten Texte in ein entsprechendes musikalische Gewand zu. Es entwickelt
sich dabei im Laufe der Zeit eine eigen-/einzigartige Mischung aus
klerikalem Protestgesang, klassischer Gitarrenmusik mit traurigen
Einschüben und
Untermalungen. Bernhards Guitarrenfertigkeiten und meine Posaunen-,
Flöten und Trompetenkünste kommen dabei voll zum Tragen und erzeugten
eine eigentümlich tragende Stimmung, die eine jeweils vorhandene
Grundstimmung unterstützt und dabei noch genügend Raum für eigene
Gedanken und Interpretationen lässt. Wir bauen weitere Instrumente wie
Triangel, dicke Zing, Xylophon, Windspiel und was so alles in den Räumen
rumliegt und einsetzbar ist, in unsere Kompositionen ein. Oft meditieren
wir nächtelang über einem Thema, lassen die Bandmaschine mitlaufen und
suchen uns dann später die passende Musik zu einem Text heraus.
ir
erarbeiten ein 1 ½ -stündiges Programm und
proben in jeder freien Minute im JZ Essen, wo der damalige Leiter
Graf v. Schmettow uns glücklicherweise einen Raum überlässt, wo wie
ohne die dummen Kommentare unserer Mitbewohner – also ungestört -
jederzeit üben können. Hausmeister und Personal, die ab und an teilhaben
dürfen an diesem künstlerischen Entstehungsprozess, sind ein kritisches
Publikum und geben manch saftige ehrliche konstruktive Kritik zum Besten
(manchmal auch noch etwas mehr), aber so kochen wir nicht nur im eigenen
Saft. Als dritter Mann ist Jens Nissen, ein Geiger aus Essen, mit dabei
und Ende 1969 ist es dann endlich soweit – das Programm steht. Unser 1.
öffentliches Konzert geben wir im kleinen Saal des Jugendzentrum – bei
Kerzenlicht und Rotwein. Ganz in schwarz gekleidet, spielen wir mit
unserem Sammelsurium von mittlerweile ca. 20 Instrumenten unsere Lieder
auf fast dunkler Bühne. Unsere selbst für heutige Verhältnisse einmalig
zu nennende Light-Show besteht aus 2 Strahlern: rotes Licht (Lampe links)
bei Liebesliedern, grünes Licht (Lampe rechts) bei Grab- und Vampirsongs
und rot/grün (also volle Kanne) bei nicht einzuordnenden Songs. Nachdem
sich das Publikum an die eigenartige Atmosphäre gewöhnt hat und auf
unsere ironisch/satirischen Erläuterungen,
die wir zu den einzelnen Liedern geben, mit Zwischenrufen eingehen,
ist der Bann gebrochen – es wird ein großer 1. Erfolg, der uns zeigt,
dass unser Projekt wohl wirklich Zukunft hat. Durch die Kontakte von
Bernhard zu Veranstaltern und mittels diverser Flugblattaktionen und
obskuren Zeitungsanzeigen, aber auch durch erste Zeitungsartikel und
-kritiken über uns sind relativ schnell Auftritte im Ruhrgebiet gebucht,
wir haben erste Radio-Termine: das Projekt „W&W´s Pop-Cabaret“ läuft
an. Wir
spielen auf der Studio-Bühne der Stadt Essen, wo uns der
NRZ-Theaterkritiker bescheinigt, dass wir nicht mal Noten lesen können
(dabei war er zum ersten Mal in seinem Leben zur richtigen Zeit am
richtigen Ort - aber das hat er nicht kapiert), wir tingeln durch die
Berliner Kneipen und lernen die dortige Szene kennen (Insterburg, Wader,
Mai, Schobert & Black etc.), wir sind auf der Waldeck bei den
Songfestivals - wir sind präsent und werden mehr und mehr
wahrgenommen.
nfang
1970 haben wir einen Gig in der Wuppertaler Börse: vor 8 (i.W. acht) Personen Publikum spielen wir unser Programm
herunter – ja leiern es ab. Es ist total ätzend, wir fühlen uns unwohl
und sind heilfroh, als der imaginäre Vorhang endlich fällt und 1 ½
Stunden quälend langes Programm vorbei sind. Beim Abbau kommt ein
Pärchen auf uns zu, das sich diese unsere miese Show angetan hat – ist
ein Bekannter von Bernhard mit netter Freundin. Nach obligatorischer
Begrüßung,
kurzem Händeschütteln und Schulterklopfen incl. der üblichen
Lobhudeleien lädt er uns zum Bierchen ein und offeriert uns dann - einen
Plattenvertrag!?! Das war kein Anderer als der Musik-Journalist Rolf-Ulrich
Kaiser mit seiner Lebensgefährtin Gille Lettmann, die mit dem
Berliner Meisel - Verlag zusammen das Ohr-Label gegründet haben und nun
auf der Suche nach wirklich guten deutschen Gruppen sind. Da ist er bei uns
natürlich genau richtig... Nur: bisher wussten wir das selber gar nicht!
Jetzt aber ...
ir
sind happy, wir sind aufgeregt wie kleine Kinder, wir fragen auch nicht
nach Prozenten, nur nach einem kleinen Vorschuss, aber eigentlich nach gar
nichts außer: wann und wo können wir endlich unterschreiben und ins
Studio. Der Traum eines jeden Musikers, entdeckt zu werden, geht für uns
bei einem der schlimmsten Auftritte unserer gesamten musikalischen
Laufbahn in Erfüllung. Der Vertrag wird in Berlin unterschrieben, und
schon im März 1970 fahren wir nach Hamburg, um unsere 1. LP einzuspielen.
Die Produktion erfolgt im Studio Fürchtenicht, einer Art Heimstudio im
Wohnzimmer. Arbeiten können wir nur nachts wegen der Straßengeräusche
tagsüber (fehlende Schallisolierung), und Playback ist auch nicht: alles
muss im Hieb sitzen. Wir haben noch keine überhöhten
Qualitätsansprüche, und wenn bei einem Trompetensolo mal die Spucke in
der Kanne brodelt, es aber intonationsmäßig nichts großartiges zu
nörgeln gibt, dann wird das Ding abgewinkt.
Für "Studio-Neulinge" schlagen wir uns recht gut, und unser
bewährtes Bühnenmotto „Perfektion ist nicht unsere Stärke“, mit dem
wir hörbare Fehler in´s Menschliche ziehen, kommt hier voll zum Tragen.
Das Schöne bei dieser Arbeit: uns labert keiner rein, keiner schaut auf
die Uhr, keiner erinnert an Studiokosten - es ist entspanntes, ruhiges und
dennoch konzentriertes Arbeiten.
Und im Nachhinein muss ich sagen, dass diese 1. LP die ehrlichste von
allen wurde.
on unserem Geiger haben wir uns mittlerweile wieder getrennt, da er
aufgrund seiner aggressiven Fahrtechnik mit seiner R50 (sprich 500er BMW)
laufend verletzt ist. Als Gastmusiker und Roady ist Charly Weißschädel
mit dabei, der z.B. beim Flipper-Song in einer Schüssel virtuos mit
Wasser planscht. Alles ist tatsächlich handgemachte rein akustische Musik
(neudeutsch „unplugged„ und damit seiner Zeit weit voraus) ja selbst
für damalige Verhältnisse ein Novum. Innerhalb von nur drei Nächten ist
die Lp samt Single eingespielt, und die Präsentation dieser Produktion
erfolgt stilgerecht im Juli 69 im Hamburger DRK-Haus. Wir werden in Särgen in
einen mit Kerzen beleuchten Raum hereingetragen, RUK hält eine kurzweilig
launige, mit Grabesstimme vorgetragene Einführungsrede, dann - klappen
wir die Deckel auf und steigen, bleich geschminkt und schwarz gekleidet,
aus den Särgen heraus und singen den anwesenden Kritikern das Lied:
"Wenn hoch die Sonn steht am Firmament, liegt Graf Dracula im Sarg
und pennt". Wir lassen das Abendglöckchen ertönen, zeigen die Lilie
vom See und lassen das Mütterlein am Grab des Sohnes weinen: das haben
Schreiberlinge, die sonst Opernkritiken schreiben oder Rockkonzerte
besuchen, noch nie gehört und erlebt - der Gag sitzt..
Es ist ein dicker Presserummel, und weil das Motiv stimmt, ein
ordentliches Echo in den Zeitungen – die ersten Fernsehsender
interessieren sich für uns: wir steigen langsam in neue Dimensionen
auf. (Zeitungskritik Frankf. Neue
Presse )
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