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Ich bin dahin und schlaf den Todesschlummer
ich, der so teuer ich hier auf Erden war
hier lieg ich nun befreit von Sorg und Kummer
im weißen Hemde auf der Totenbahr.

Mein Haupt - geziert von einem grünen Kranze
mein Haar wallt an der Brust herab
so geschmückt im myrtenreichen Glanze
senkt man mich bald ins morsche kühle Grab.

Da stehn sie nun, die Totengräber
oh schaut mich nicht so grässlich an
erstarrt sind alle meine Glieder
vollendet hat sich meine Lebensbahn.

Was tut ihr nun - mich überfällt ein Grauen
oh schließt den Sarg doch noch nicht zu
lasst einen Augenblick euch noch beschauen
dann tragt mich hin zur ewig stillen Ruh´.

Gehab dich wohl, du holde Schöne
mit großem Schmerz zieh´ ich dahin
nehmt diese heiße wehmutsvolle Träne
und diesen Kuss der ewigen Treue hin.

Gleich schlummere ich im Erdenschoß hier nieden
bis mich dereinst der große Posaunenschall
aus meinem Grabe ruft zum ewigen Frieden
hinauf ins ewig blaue Frühlingstal.

Da werde ich dich wiederfinden
dort unter der Millionen-Engelschar
dort wird mein Geist mit deinem sich verbinden
dort vor des Meisters heiligen Altar.

Dort werde ich Dich wieder erkennen
du wirst dann unzertrennlich mein
dort wird der Tod uns nicht mehr trennen
dort werden wir stets beisammen sein.

usikalisch befinde ich mich plötzlich in einem Vakuum: meine Skiffle-Band „The Night-Revellers“ hat sich schon vor Urzeiten wegen Arbeitsmangels aufgelöst, im Posaunenchor bin ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr aktiv, auch der Kantorei habe ich nach meinem Stimmbruch Ade gesagt und für das Schulorchester ist aufgrund meines Alters mittlerweile auch kein Platz mehr frei. Ich spiele zwar von Zeit zu Zeit Tuba in der Universitäts-Jazzband der Uni Bochum, aber ich bin verzweifelt auf der Suche nach einer neuen musikalischen Herausforderung. Der Protestsänger des Ruhrgebiets: Bernd Witthüser Da Bernhard mit seinen Songs - er hatte mittlerweile das Prädikat  "Protestsänger des Ruhrgebiets" angehängt bekommen - auch nicht mehr so richtig glücklich ist ("ich spiel vor Kumpels und hab noch nie im Leben richtig malocht: die lachen sich ja kaputt über mich") und wir des Öfteren zusammen musizieren, entwickelt sich irgendwie und -wann aus diesem Zusammenspiel die Idee, alte Bänkellieder, Vampirtexte, Trauer- und Totengedichte, Moritaten und Lyrik aus alten Büchern, die wir in dieser Zeit lesen, zu vertonen. Mit Gitarre und Ukulele packen wir die ersten Texte in ein entsprechendes musikalische Gewand zu. Es entwickelt sich dabei im Laufe der Zeit eine eigen-/einzigartige Mischung aus klerikalem Protestgesang, klassischer Gitarrenmusik mit traurigen Einschüben und  Untermalungen. Bernhards Gitarrenfertigkeiten kommen bei dieser Art von Musik wirklich künstlerisch wertvoll rüber und bilden einen wunderbaren Teppich, auf dem meine Posaunen-, Flöten und Trompetenkünste gut anhörbar zum Klingen kommen. Zusammen mit der dominanten Stimme von Bernhard und gestützt von meinem klerikalen Organ erzeugten wir eine einmalige eigentümliche Stimmung, die eine jeweils vorhandene Grundstimmung unterstützt und dabei noch genügend Raum für eigene Gedanken und Interpretationen lässt. Ich baue nach und nach weitere Instrumente wie Triangel, dicke Zing, Xylophon, Windspiel, Waschbrett und was so alles in den Räumen herum liegt und irgendwie zur Musik passt und einsetzbar ist, in unsere Kompositionen ein. Oft meditieren wir nächtelang über einem Thema, lassen die Bandmaschine mitlaufen und suchen uns dann später die passende Musik zu einem Text heraus.

ir erarbeiten ein 1 ½ -stündiges Programm und  proben in jeder freien Minute im JZ Essen, wo der Leiter Graf v. S. uns glücklicherweise einen Raum überlässt, in dem wir ohne die dummen Kommentare unserer Mitbewohner – also ungestört - jederzeit üben können. Hausmeister und Personal, die ab und an teilhaben dürfen an diesem künstlerischen Entstehungsprozess, sind ein kritisches Publikum und geben manch saftige ehrliche konstruktive Kritik zum Besten (manchmal auch noch etwas mehr), aber so kochen wir nicht nur im eigenen Saft. Als dritter Mann ist (kurzzeitig) Jens Nissen, ein motorradfahrender (!) Geiger aus Essen, mit von der Party - und Ende 1969 ist es dann endlich soweit: das Programm steht. Unser 1. öffentliches Konzert geben wir im kleinen Saal des Essener  Jugendzentrums – bei Kerzenlicht und Rotwein. Ganz in schwarz gekleidet, spielen wir mit unserem Sammelsurium von mittlerweile ca. 20 Instrumenten unsere Lieder auf fast dunkler Bühne. Unsere selbst für heutige Verhältnisse einmalig zu nennende Light-Show besteht aus 2 Strahlern: rotes Licht (Lampe links) bei Liebesliedern, grünes Licht (Lampe rechts) bei Grab- und Vampirsongs und rot/grün (also volle Kanne) bei nicht einzuordnenden Songs. Nachdem sich das Publikum an die eigenartige Atmosphäre gewöhnt hat und auf unsere ironisch/satirischen Erläuterungen,  die wir zu den einzelnen Liedern geben, mit Zwischenrufen eingehen, ist der Bann gebrochen – es wird ein großer 1. Erfolg, der uns zeigt, dass unser Projekt wohl wirklich Zukunft haben kann.
W & Ws POP CABARET - das erste Pressefoto Durch die Kontakte von Bernhard zu Veranstaltern und mittels diverser Flugblattaktionen und obskurer  Zeitungsanzeigen, aber auch durch erste Zeitungsartikel und -kritiken über uns sind relativ schnell Auftritte im Ruhrgebiet gebucht, wir haben erste Radio-Termine: das Projekt „W&W´s Pop-Cabaret läuft an. Wir spielen auf der Studio-Bühne der Stadt Essen, wo uns der NRZ-Theaterkritiker bescheinigt, dass wir nicht mal Noten lesen können (dabei war er zum ersten Mal in seinem Leben zur richtigen Zeit am richtigen Ort - aber das hat er nicht kapiert). Wir ziehen  durch Deutschlands Clubs und Kleinbühnen, bleiben eine zeitlang in Berlin hängen und tingeln durch die Berliner Kneipen (
Go-In, Steve-Club, Dennis Pan, Folkpub etc.), wo man jeweils einen kleinen Set für ein Getränk oder eine Bulette als Gage spielt -  und lernen die dortige Szene kennen (Insterburg, Wader, Mey, Schobert & Black, Horst Koch etc.), wir sind auf der Waldeck bei den Songfestivals - wir sind präsent und werden mehr und mehr wahrgenommen. Das ist erstaunlich, weil wir so gar nicht in eine Schublade passen: ist das Kabaret? Ist das Folk? Bänkelgesang und/oder  Eulenspiegeleien? Ist das alles ernst gemeint oder hinterlistig naiv? Makaber oder Satire? Provokant oder nur Kitsch? Bieder oder totaler Unsinn? In der Bewertung unserer Konzerte sind sich die Journalisten - je nach Genre - so gar nicht einig, was uns aber relativ egal ist: wir sind im Geschäft - aber wir müssen auch irgendwie unsere Kosten einspielen. Wir nutzen eine eigene Verstärkeranlage, die immer weiter ausgebaut wird, wir brauchen einen einigermassen verlässlichen fahrbaren Untersatz samt Kraftstoff, Intrumente und Saiten müssen gepflegt, repariert oder erneuert werden: das läppert sich und bringt uns des Öfteren an den Rand des Ruins: die Kosten steigen, die Gagen nicht. 

nfang 1970 haben wir einen Gig in der Wuppertaler Börse: vor 8  (i.W. acht) Personen Publikum spielen wir unser Programm herunter – so professionell wie es in so einem privaten Rahmen eben geht. Dennoch: es ist total ätzend, wir fühlen uns unwohl und sind heilfroh, als der imaginäre Vorhang endlich fällt und 1 ½ Stunden quälend langes Programm vorbei sind. Beim Abbau kommt ein Pärchen auf uns zu, das sich diese unsere "Show" angetan hat: es ist Rolf Ulrich Kaiser - der Macher des Ohr-Labelsein Bekannter von Bernhard mit seiner netter Freundin. Nach obligatorischer Begrüßung,  kurzem Händeschütteln und Schulterklopfen incl. der üblichen Lobhudeleien lädt er uns zum Bierchen ein und offeriert uns dann - einen Plattenvertrag!?! Das war kein Anderer als der in Musiker- und Undergroundkreisen wohlbekannt Musik-Journalist Rolf-Ulrich Kaiser (kurz R.U.K) mit seiner Lebensgefährtin Gille Lettmann. Er hat mit dem Berliner Meisel-Verlag (Hansa Musik) zusammen das Ohr-Label gegründet  und ist nun auf der Suche nach wirklich guten deutschen Gruppen. Ist er bei uns denn da richtig? Bisher wussten wir das selber sehr wohl, aber dass wir wirklich dazu gehören könnten bzw. dass uns irgend jemand Aussenstehender dazu zählen könnte, haben wir nicht erwartet! Aber wir lassen uns gerne überzeugen ...
...wobei: Bernhard muss mich erst einmal schlau machen, wer denn nun dieser Herr Kaiser wirklich ist - es ist nicht der von der Frankfurt-Mannheimer, soviel ist mir klar. Bernd klärt mich auf: Rolf Ulrich Kaiser ist ein bekannter Schriftsteller, der sich speziell mit alternativer Musik beschäftigt, der aber auch die Folk-Landschaft gut kennt und auf der Waldeck Bekanntschaften schließt mit der deutschen Folk-Szene - daher kennen sich die beiden. Kaiser macht zudem Musiksendungen und schreibt Artikel über internationale Folk-Künstler wie Joan Baez und Pete Seeger, über Zappa und die Fugs und die Mothers. Er ist mitverantwortlich für die Essener Songtage, bei denen Bernd Geschäftsführer war. Also lerne ich: dieser Kaiser produziert nicht nur heiße Luft - sondern demnächst auch W&W...  

ir sind happy, wir sind aufgeregt wie kleine Kinder, wir fragen nicht nach Prozenten, nur nach einem kleinen Vorschuss, aber eigentlich nach gar nichts außer: wann und wo können wir endlich unterschreiben und ab ins Studio. Der Traum eines jeden Musikers, entdeckt zu werden, geht für uns bei einem der schlimmsten Auftritte unserer gesamten musikalischen Laufbahn in Erfüllung. Ein Plattenvertrag  heißt für uns: einem größeren Puiblikum bekannt werden durch Rundfunkinterviews, vielleicht sogar durch Fernsehauftritte, ist ein Hervorhebungsmerkmal, eine Art Ritterschlag, ist was zum Vorzeigen, ist ein Türöffner: vielleicht können wir in absehbarer Zeit wirklich von der Musik leben. Ein schöner Traum...

Der Vertrag wird in Berlin unterschrieben, und schon im März 1970 fahren wir nach Hamburg, um unsere 1. LP "Von Nonnen, Toten und Vampiren" einzuspielen. Die Produktion erfolgt im Studio Fürchtenicht, einer Art Heimstudio im Wohnzimmer. Arbeiten können wir nur nachts wegen der Straßengeräusche tagsüber (fehlende Schallisolierung), und Playback ist auch nicht: es steht nur eine REVOX-Maschine zur Verfügung. Das heißt für uns: alles muss im Hieb sitzen. Zum Glück haben noch keine überhöhten Qualitätsansprüche weder an uns noch an die Aufnahmeleitung, und wenn bei einem Trompetensolo mal die Spucke in der Kanne brodelt, es aber intonationsmäßig nichts Großartiges zu nörgeln gibt, dann wird das Ding abgewinkt. Für "Studio-Neulinge" schlagen wir uns recht gut, und unser bewährtes Bühnenmotto „Perfektion ist nicht unsere Stärke“, mit dem wir hörbare Fehler in´s Menschliche ziehen, können wir bei dieser Art der "Arbeit" zwar nicht erklären, kommt aber voll zum Tragen. Das Schöne ist: uns labert keiner rein, keiner schaut auf die Uhr, keiner erinnert an Studiokosten - es ist entspanntes, ruhiges und dennoch konzentriertes Arbeiten.

Zurück in Essen müssen wir erstmal die "Sache" mit der GEMA in Angriff nehmen, denn da kann es für die Urheber Knete geben für die Plattenverkäufe und die Verwendung der Musik im Radio und Fernsehen. Die GEMA will aber sofort bei der Anmeldung eine Art Aufnahmegebühr haben, und da wir klamm sind, meldet sich nur mein Partner Bernd: denn er hat den größten Teil der Musik komponiert - mein Teil war hier mehr der des "Studio"-Musikers.

Als wir dann nach Wochen die 1. Anpressung der LP in die Hände und auf den Plattenteller bekommen, höre ich plötzlich nur noch falsche Töne, jeder noch so kleine Fehler fällt mir auf und lässt mich schaudern, jeder zu späte Einsatz wird zum größten Ärgernis - eigentlich kann man jedes einzelne Stück viel viel besser machen - ja man müsste die ganze Platte auf den Müll werfen und ganz von vorn anfangen. Dass unsere Bekannten und Freunde die Produktion "einfach nur toll" finden, empfinde ich als Mitleid - doch ich kann nix mehr ändern.
Das einzig Schöne an der LP ist das Plattencover von Reinhard Hippen, an dem vorne ein Luftballon von OHR eingearbeitet ist.



Im Nachhinein - mit einigem Abstand - muss ich sagen: diese 1. LP war die Ehrlichste von allen. HANDGEMACHT

on unserem Geiger haben wir uns mittlerweile wieder getrennt, da er aufgrund seiner aggressiven Fahrtechnik mit seiner R50 (sprich 500er BMW) laufend verletzt ist. Als Gastmusiker und Roady ist Charly Weißschädel mit dabei, der z.B. beim Flipper-Song in einer Schüssel virtuos mit Wasser planscht. Alles ist tatsächlich handgemachte rein akustische Musik (neudeutsch „unplugged„ und damit seiner Zeit weit voraus) ja selbst für damalige Verhältnisse ein Novum. Innerhalb von nur drei Nächten ist die LP samt Single eingespielt, und die Präsentation dieser Produktion erfolgt stilgerecht im Juli 70 im Hamburger DRK-Haus. Wir werden in Särgen in einen mit Kerzen beleuchten Raum herein getragen, RUK hält eine kurzweilig launige, mit Grabesstimme vorgetragene Einführungsrede, dann - klappen wir die Deckel auf und steigen, bleich geschminkt und schwarz gekleidet, aus den Särgen heraus und singen den anwesenden Kritikern das Lied: "Wenn hoch die Sonn steht am Firmament, liegt Graf Dracula im Sarg und pennt". Wir lassen das Abendglöckchen ertönen, zeigen die Lilie vom See und lassen das Mütterlein am Grab des Sohnes weinen: das haben Schreiberlinge, die sonst Opernkritiken schreiben oder Rockkonzerte besuchen, noch nie gehört und erlebt - der Gag sitzt.. 
Es ist ein dicker Presserummel, und weil das Motiv stimmt, ein ordentliches Echo in den Zeitungen – die ersten Fernsehsender interessieren sich für uns: wir steigen langsam in neue Dimensionen auf. 
(Zeitungskritik Frankf. Neue Presse )

Witthueser & Westrupp
stilgerecht bei der 
Präsentation ihrer
ersten LP
"Lieder von
Nonnen, Toten und Vampiren"
beim Fototermin 
m August kommt dann unsere Single auf den Markt (mit „Wer schwimmt dort?“ und „Einst kommt die Nacht“ (die Essenz aus den Todesanzeigen der Woche von unserer Pinnwand) - und  im September sind wir schon auf dem legendären Fehmarn-Konzert dabei (dem ich ein Extra-Kapitel gewidmet habe), im Oktober spielen wir auf  dem Pop- und Blues-Festival in Essen...
.Poster des III. POP & BLUES-Festivals in Essen,

...dann nach Wien zu Fernsehaufnahmen, Radiotermine beim WDR, SWF und Deutscher Welle (da hörte mich sogar meine Schwester in Uruguay), Open-Air Festival in Frankfurt, Pop-Festival Bremen, 14 Tage München, 1 Woche Mainz, Fernsehaufzeichnung Wartsaal Baden-Baden, 3 Wochen Gastspiel Berlin bei den Wühlmäusen, spielen zum Advent auf bei der von den "Nörgelbuffs" veranstalteten Feier in der Stadthalle Göttingen (wo die ganze Halle unseren Smash-Hit "Flipper" mitsingt), sind zu Gast im Mainzer Unterhaus, dem deutschen Kabarett-Tempel, dazu immer wieder Pressetermine mit dem Stern, mit POP (Musik-Zeitung) und diversen Tageszeitungen, Promotion-Tour für die LP etc.: nun brechen wir das Musikstudium ab (ist sowieso nur graue Theorie)  und auch unsere Nebenjobs bleiben auf der Strecke (Arbeit allein macht eben nicht glücklich): wir können erstmals von unseren Gagen (über)leben. Doch von nix kommt nix, wie wir bei uns zu Hause zu sagen pflegen: wir spielen – wenn wir zwischendurch Pause haben und zu Hause sind -  auch weiterhin nächtelang zusammen Melodien durch, improvisieren über bestimmten Harmoniefolgen, nehmen alles auf Tonband auf und erarbeiten uns (und das ist wirklich ARBEIT - aber schöner, effektiver und befriedigender als die vorgenannte) einen neuen Fundus an Musik. Wir testen einen weiteren Musiker mit Künstlernamen "Paul Bussard", der uns aber mit seiner Laute keinen neuen Impulse geben kann: wir bleiben zunächst mal allein zu zweit...

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© 2001 by Walter Westrupp - letzte Aktualisierung 05.03.2020