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Wenn ich ein wenig fröhlicher wär´
und hätte Mut ein wenig mehr
auf einer Wiese würd´ ich liegen
und Seifenblasen in den Himmel schieben.

Ich würd´ auf alle Schulden scheissen
Wechsel, Schecks und Ähnliches zerreissen
und einen Teufel mich darum scheren
was die verfluchten Folgen wären

Ich würd alles, was ich hab, verkaufen
dann fressen, kiffen, ficken, saufen
den Bürger, der da motzt, erschlagen
und den Sprung in´s ewige Feuer wagen.

Witthüser & Westrupp von der LP "Nonnen, Tote & Vampire"


ach Ende meiner 12monatigen Wehrdienstzeit 68-69 Mein Kampf, dieser jeden guten Staatsbürger irgendwie formenden Zeit, ziehe ich in das Dachgeschoss der Viehofer Str. 25 in Essen. Das, was auf mich eingeströmt war bei meinem Besuch Mein Kampf der Internationalen Essener Songtage 1968, sollte nun endlich in die Tat umgesetzt und gelebt werden. Ich kenne diese "Location" schon von früheren Besuchen, denn dort hat Bernhard schon eine „Wohnung“ – und dort beginnt unsere Sturm- und Drangzeit. Allein das Wohnen in den 6 „Apartments“ der Etage (gleichbedeutend mit 6 „Wohnungen“,  das entspricht tatsächlichen  6 „Zimmern“, die im normalen Immobilienmarkt als „Besenkammer“ bezeichnet werden [?!)). Ich will damit sagen: die sind verdammt klein geraten, und ich lass jetzt diese störenden Gänsefüße weg und sage nur: jedes Zimmer hat max. 12m2  und jeweils eine Riesenschräge. dazu hat jedes Zimmer ein riesiges Kombigerät (Kühlschrank/Spüle/Herd am Stück) - da bleibt nicht viel für Möbel. Nicht verschweigen darf man natürlich den Luxus einer Toilette und einer Dusche - für alle. Diese Art von Gemeinschaftseigentum (in den 20er-Jahren durchaus üblich) ist  für die „Altbewohner“ total normal, bedeutet aber für Kommunen-Neueinsteiger bzw. Anfänger - wie ich einer bin - eine tiefe Zäsur in seine bisherige Lebensform und somit ein einschneidendes existenzielles Erlebnis.
Auf meinen m²  komme ich mir mit meinen 1,65 vor wie ein Riese, und rückblickend erscheint mir meine Kammer in der Kaserne gegen dieses Loch wie ein echtes Luxus-Apartment. Aber: i
ch habe ein eigenes Zimmer – eigene 4 Wände!
...doch hab´ ich die wirklich?

Die Türen einer jeden Wohnung stehen generell alle offen und jeder derKinderbild von W&W Mitbewohner verfügt über mindestens eine Stereo-Anlage, die den ganzen Tag über zweckentsprechend betrieben wird. Da entwickelt sich bei dem Versuch, auf der eigenen Anlage eine Beatles-LP anzuspielen, plötzlich ein neues einzigartiges quadrofonischen Klangerlebnis, bei dem die Beatles ihre Besetzung um Eric Burdon, Golden Earing, Rod Steward und die Stones erweitert haben, und dieser Sound (?) erinnert stellenweise dann an den Free-Jazz, mit dem manche Folkwang-Studenten abends im PODIUM ihre extrem kleine Fangemeinde quälen. Durch die so entstehenden Schallwellen an der Oberkante unseres Hauses ist es das einzige Gebäude in der ganzen Stadt, das meiner objektiven Meinung nach wackelt, je nachdem, wer und wie laut Musik abgespielt wird. Doch - man gewöhnt sich an allem, sogar wenn beim Akt jemand ohne Vorwarnung hereinkommt, nicht mal ein leises „Entschuldigung“ für nötig hält, sondern nach Butter fragt oder warum die Dusche (mal wieder) nicht funktioniert und wer Putzdienst hat - als hätte ich grade nix anderes im Kopp.

Gemeinsames Frühstücken wird zur festen Einrichtung. Frühmorgens so gegen 13 Uhr geht einer los und holt frische Brötchen und all das, was zu einem zünftigen Kommunarden-Frühstück gehört, einer kocht Kaffee und spült Tassen, ein dritter Mitbewohner geht runter in unser im Erdgeschoss gelegenes Musikgeschäft, um sich die LP-Neuerscheinungen auszuleihen, die wir dann beim Frühstück durchhören und somit immer auf dem neuesten Stand zu bleiben: 08 15-Lps wurden unverzüglich zurückgegeben in den freien Verkauf, die hörenswerten, die wir behalten, werden im Laden unten auf der immer größeren Liste mit angeschrieben und - wenn irgendwann irgendwoher Geld eingeht - wird dieser manchmal nicht unerhebliche Posten beglichen. So entwickelt sich eine ganz spezifische Plattensammlung mit  Aufnahmen von The Incredible String Band, Dr. Stangely Strange, Fairport Convention, Steeleye Span, Fotheringay, CSNY und vielen anderen, zumeist akustischen Bands. Aber auch Produktionen von Herbie Man (Memphis Underground), Walter [später Wendy] Carlos (Sonic Seasoning), John Cale und Terry Rileys "Church of Anthrax", John Mayall´s "Laurel Canyon" etc. und die aktuell angesagten Gruppen drehen sich auf unseren Plattentellern. Je nach Anzahl der Platten, die wir beim Frühstück durchhören "müssen", zudem auch noch abhängig von den Erlebnisberichten der einzelnen Kommunarden sowie verschiedener aktueller innerer und äußerer Einflüsse, zieht sich so ein Frühstück oftmals bis in den  Mittag (ca. 18:00 Uhr).

Mittags dann - also ca zwischen 18-19 Uhr - bekochen wir uns gegenseitig und treiben uns bei der Kreation neuer Nudel-Pfannen-Gerichte in kulinarisch immer höhere und  kochkünstlerisch bisher nicht erforschte Dimensionen. Wenn es sie gegeben hätte - wir hätten auch Ameisenrüssel und Heuschreckenunterschenkel verarbeitet – doch auch ohne diese Zutaten sind diese gemeinsamen Mahlzeiten (nach Verfeinerung durch extremen Gebrauch von Ketchup, Chili und Sambal Olek) zum endgültigen Auftakt des Tages und für das Zusammenleben eine echte Bereicherung.

rundsätzliche Zwischenbemerkung: Wenn nie oder nur andeutungsweise von Begegnungen mit dem anderen Geschlecht berichtet wird, so heißt das nicht, dass wir schwul sind (was bei einer 2-Mann-Boy-Group oft unterstellt wird). Diese Leute hätten mal das Gestöhne und Geschreie tagaus/nachtein miterleben sollen, das man sehr gut noch auf der Straße miterleben konnte (wir wohnen und arbeiten im 5. Stock, nur mit Dachluken nach oben – und die Straße ist eine laute Verkehrsstrasse). Das nur zur Klarstellung, denn es soll in diesem Buch kein Thema sein. 
Wobei, wenn ich so überlege - könnte das ein extra langes Kapitel werden mit wirklich tiefgreifenden, herzzerreissenden und tragischen Geschichten.

ernhard richtet auf dem Flur ein schwarzes Brett ein, an das fortan der Putzdienst für die Gemeinschaftsräume (Klo/Dusche/Flur) angepinnt, der Kochdienst festgelegt, aktuelle Meldungen der Einzelnen und die „Todesanzeige der Woche“ ausgehängt werden. In diesen Nachrufen finden wir all die tollen Reime, die wir später auf der Flipper-Single-B-Seite in dem Lied „Einst kommt die Nacht, die lange dunkle“ verarbeiten: die Geschichte eines Mannes, der stirbt und dem seine Freunde am Grab ein Abschiedlied singen und er (also der Tote) den Deckel noch mal aufklappt und seinen Freunden auch ein Abschiedlied singt:

Einst kommt die Nacht, die lange dumpfe
wo Deine die Freunde Dir ihr Mitleid schenken
und bei dem alten Mauerstumpfe
Deinen Body in die Grube senken

An  Deines Grabes Rande stehen sie
in ihren feinen schwarzen Kutten
mit furchtbar wackeligem Knie
und das Herz tut ihnen bluten

So stehen sie dort mit leichtem Schauer
und singen dann mit großer Trauer:

Du bist befreit von Leid und Schmerz
geliebtes altes treues Herz
nur Müh´ und Arbeit bis an´s Ende
nun ruhen Deine fleißigen Hände
die immer gern für uns bereit
das danken wir Dir alle Zeit.

Und du denkst, wie schön die Zeit mit jenen war
und singst aus voller Brust ganz hell und klar:

Wir alle wandern durch das Tor des Lebens
den Weg bis in die Ewigkeit
und alles Hoffen, Wünschen ist vergebens
der große Meister bestimmt den Lauf der Zeit

So tretet fort, ihr meine Lieben
nehmt Abschied, weint nicht mehr
Heilung  konnt´ ich nicht mehr finden
meine Leiden waren viel zu schwer
Nun so ziehe ich von dannen
schließ die müden Äuglein zu
haltet innig treu zusammen
Und gönnet mir die ew´ge Ruh´
.

Aber was verschwende ich hier eigentlich so viele Zeilen: dies ist ein Onlinebuch mit den vielen Möglichkeiten einer Homepage, somit kann ich dem/der geneigten Leser/in hier gleich die entsprechende Hörprobe hier anbieten .
Und wem das immer noch nicht reichen sollte, findet -mit wundersamen Bildern unterlegt - dieses Liedchen auch auf meinem You-Tube-Kanal "Dabbelju 2".


CITY-POP-Beat in Deutschland heißt ein Film der Bavaria für´s deutsche und englische Fernsehen, in dem auch die Essener Pop-Gruppe Witthüser & Westrupp + Paul Bussard mitwirkt. Auf der Kettwiger Strasse wurden einige Szenen mit den Essener Ulkvögeln gefilmt (im Vordergrund von links: Witthüser, Westrupp, Gaststar Bärbel  Kuhnert, Paul Bussard und Kameramann Gerard Vandenberg). Paul ist der neue Mann bei W & W, Curny ist nicht mehr dabei. Der Film von Rolf Ulrich Kaiser (mit Guru Guru, Can, Amon Düül II,
Tangerin Dream und Popul Vuh) erscheint im Herbst im Ersten Fernsehen. NRZ 71, Foto Schey
.

In dem Lied „wenn ich ein wenig fröhlicher wär´“ (siehe Text oben) sind unsere Erfahrungen auf der Kettwiger Strasse und generell in der City sehr treffend beschrieben. Unter dem Motto von damals „macht kaputt, was Euch kaputtmacht“ will „Sternchen“ Sternheimer  immer wieder mal eine Bombe bei Karstadt deponieren – zum Glück für ihn und uns und die möglichen Opfer hat er nie Sprengstoff zur Hand – aber verbal war der Bau schon 10x weggeblasen. Wir persönlich lassen es langsamer und ruhiger angehen und versuchen die Leute von unten oder innen zu überzeugen. Wir verteilten Flugblätter „Wie drehe ich einen Joint “ mit der Anleitung für den großen 3-blättrigen – oder Auszüge aus dem „Almanach der Rauschmittel“ mit Wirkungsangaben.

Unser wirklich gut gemeintes Flugblatt mit der Anleitung „Wie nehme ich einen Trip richtig (12 Regeln, die nützlich sind für Neueinsteiger, einen Trip richtig vorzubereiten und zu genießen und einen Horrortrip zu vermeiden) Der Text unseres Flugblattes bringt uns die Anzeige eines Pastors ein, die aber abgeschmettert wird (nach langer Zeit - da leben wir schon in Dill und die ganze Angelegenheit wird beim königlich-hunsrückischen Amtsgericht zu Simmern verhandelt – die wussten gar nicht, um was es wirklich ging).

   
...eine schriftliche Stellungnahme reichte - und das Ding war vom Tisch.

Wir ziehen weiterhin verrückte Aktionen durch, hinter denen irgendwo auch ein kleines Häkchen versteckt ist. Wir komponieren zusammen, treten als Sing- & Spiel-Gemeinschaft auf, saufen zusammen, leben zusammen in einer Kommune: da entstehen einfach verrückte Dinge, die in einer sehr verknöcherten engstirnigen Welt aus dem Rahmen fallen. Die Presse greift sowas gerne auf (wir weisen jeweils dezent darauf hin), und die Reaktionen gipfeln dann manchmal sogar darin, daß "gute Freunde" meiner Mutter nahelegen, sich doch von mir zu distanzieren...(Luise, das habt ihr nicht verdient!!!). Meine Familie fand das damals auch nicht alles soooo toll, aber ich war ja nun nicht kriminell oder lag irgend jemandem auf der Tasche (nicht mal dem Staat) - und auf der anderen Seite fanden sie manches auch ganz schön irre...

Neben allen unseren gar vielfältigen Aktivitäten sind wir nun des Öfteren in Sachen "Musike"  unterwegs, geben erste Konzerte und haben unseren 1. Fernsehauftritt im Wartesaal vom Bahnhof Baden Baden, wo neben uns alle namhaften Liedermacher wie Süverkrup, Degenhard, Interburg & Co., Schobert und Black, Reinhard May, Hannes Wader und weiß der Henker wer noch alle dabei sind - und wir eben auch.
Hier ist unser Beitrag zu sehen und zu hören:
Das "Kinderlied für Erwachsene" von Thomas Rother:

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© 2000 by Walter Westrupp - letzte Aktualisierung 01.03.2018