Ich würde alles, was ich hab´, verkaufen
dann kiffen, ficken, fressen, saufen,
den Bürger, der da motzt, erschlagen
und den ewigen Sprung in´s Feuer wagen
(Aus "Wenn ich ein wenig fröhlicher wär´" T&T)
ach
Ende meiner Wehrdienstzeit ,
dieser jeden guten Staatsbürger
irgendwie formenden Zeit, ziehe ich auch in das Dachgeschoss der Viehofer
Str. 25 in Essen. Dort hat Bernhard schon eine „Wohnung“ – und
dort beginnt unsere Sturm- und Drangzeit. Allein das Wohnen in den 6 „Apartments“
der Etage (gleichbedeutend mit 6 „Wohnungen“,
das entspricht tatsächlichen 6 „Zimmern“, die im
normalen Immobilienmarkt als „Besenkammer“ bezeichnet werden [?!)). Ich will damit sagen: die sind verdammt klein geraten, und ich lass jetzt diese störenden Gänsefüße weg und sage nur:
jedes Zimmer hat max. 12m2 und
jeweils eine Riesenschräge. dazu hat jedes Zimmer ein riesiges
Kombigerät (Kühlschrank/Spüle/Herd am Stück) - da bleibt nicht viel
für Möbel. Nicht verschweigen darf man natürlich den Luxus einer Toilette und einer Dusche - für alle. Diese Art von Gemeinschaftseigentum (in den 20er-Jahren
durchaus üblich) ist
für die „Altbewohner“ total normal, bedeutet aber für
Kommunen-Neueinsteiger bzw. Anfänger - wie ich einer bin - eine tiefe Zäsur in seine bisherige
Lebensform und somit ein einschneidendes existenzielles Erlebnis.
Auf meinen 10 m² komme ich
mir mit meinen 1,68 vor wie ein Riese, und rückblickend erscheint mir
meine Kammer in der Kaserne gegen dieses Loch wie ein echtes
Luxus-Apartment. Aber ich habe ein eigenes Zimmer – eigene 4 Wände!
Hab ich die wirklich?
Die
Türen einer jeden Wohnung stehen generell alle offen und jeder der
Mitbewohner verfügt über
mindestens eine Stereo-Anlage, die den ganzen Tag über zweckentsprechend betrieben wird. Da
entwickelt sich bei dem Versuch, auf der eigenen Anlage eine Beatles-LP anzuspielen, plötzlich ein
neues einzigartiges
quadrofonischen Klangerlebnis, bei dem die Beatles ihre Besetzung um Eric Burdon, Golden Earing, Rod Steward und
die Stones erweitert haben, und dieser Sound (?) erinnert stellenweise dann an den
Free-Jazz, mit dem manche Folkwang-Studenten abends im PODIUM ihre extrem
kleine Fangemeinde quälen. Durch die so entstehenden Schallwellen an der
Oberkante unseres Hauses ist es das einzige Gebäude in der ganzen
Stadt, das meiner objektiven Meinung nach wackelt, je nachdem, wer und wie laut Musik abgespielt wird. Doch - man gewöhnt sich an allem, sogar wenn
beim Akt jemand ohne Vorwarnung hereinkommt, nicht mal ein leises
„Entschuldigung“ für nötig hält, sondern nach Butter fragt oder
warum die Dusche (mal wieder) nicht funktioniert und wer Putzdienst hat -
als hätte ich grade nix anderes im Kopp.
Gemeinsames
Frühstücken wird zur festen Einrichtung. Morgens so gegen 13 Uhr geht
einer los und holt frische Brötchen und all das, was zu einem zünftigen
Kommunarden-Frühstück gehört, einer kocht Kaffee und spült Tassen, ein
dritter Mitbewohner geht runter in unser im Erdgeschoss gelegenes
Musikgeschäft, um sich die LP-Neuerscheinungen auszuleihen, die wir dann
beim Frühstück durchhören und somit immer auf dem neuesten Stand zu bleiben: 08 15-Lps wurden unverzüglich zurückgegeben in den freien
Verkauf, die hörenswerten, die wir behalten, werden angeschrieben und -
wenn irgendwann irgendwoher Geld eingeht, wird dieser manchmal
nicht unerhebliche Posten beglichen. Je nach Anzahl der Platten, zudem abhängig
von den Erlebnisberichten der einzelnen Kommunarden sowie verschiedener
aktueller innerer und äußerer Einflüsse zieht sich so ein Frühstück
oft bis zum Mittag (18:00 Uhr).
Mittags
- also ca zwischen 18-19 Uhr - bekochen wir uns gegenseitig und treiben uns bei
der Kreation neuer Nudel-Pfannen-Gerichte in kulinarisch immer höhere und kochkünstlerisch bisher nicht erforschte Dimensionen. Wenn es sie
gegeben hätte - wir hätten auch Ameisenrüssel und Heuschreckenunterschenkel
verarbeitet – doch auch ohne diese Zutaten sind diese gemeinsamen Mahlzeiten (nach
Verfeinerung durch extremen Gebrauch von Ketchup, Chili und Sambal Olek) zum endgültigen Auftakt des
Tages und für das Zusammenleben eine echte Bereicherung.
rundsätzliche
Zwischenbemerkung: Wenn nie oder nur andeutungsweise von Begegnungen mit
dem anderen Geschlecht berichtet wird, so heißt das nicht, dass wir
schwul sind (was bei einer 2-Mann-Boy-Group oft unterstellt wird). Diese
Leute hätten mal das Gestöhne und Geschreie tagaus/nachtein miterleben
sollen, das man sehr gut noch auf der Straße miterleben konnte (wir
wohnen und arbeiten im 5. Stock, nur mit Dachluken nach oben – und die
Straße ist eine laute Verkehrsstrasse). Das nur zur Klarstellung, denn es
soll in diesem Buch kein Thema sein.
Wobei, wenn ich so überlege
- könnte das ein extra langes Kapitel werden mit wirklich tiefgreifenden,
herzzerreissenden und
tragischen Geschichten.
ernhard richtet auf dem Flur
ein schwarzes Brett ein, an das fortan der Putzdienst für die
Gemeinschaftsräume (Klo/Dusche/Flur) angepinnt, der Kochdienst
festgelegt, aktuelle Meldungen der Einzelnen und die „Todesanzeige der
Woche“ ausgehängt werden. In diesen Nachrufen finden wir all die tollen
Reime, die wir später auf der Flipper-Single-B-Seite in dem Lied „Einst
kommt die Nacht, die lange dunkle“ verarbeiten: die Geschichte eines
Mannes, der stirbt und dem seine Freunde am Grab ein Abschiedlied singen
und er (also der Tote) den Deckel noch mal aufklappt und seinen Freunden
auch ein Abschiedlied singt.
Text-Beispiel:
„Du bist befreit von Leid und auch von Schmerz, geliebte altes treues
Herz,
nur Müh´ und Arbeit bis ans Ende: nun ruhen Deine fleiß´gen Hände,
die immer nur für uns bereit – das danken wir Dir alle Zeit“.
Aber was soll ich hier viele Zeilen verschwenden: dies ist ein Onlinebuch
mit den vielen Möglichkeiten einer Homepage, und somit kann ich dem/der
geneigten Leser/in hier gleich die entsprechende Hörprobe anbieten .
enn nichts Anderes anliegt,
dann ist nachmittags „Stadt-Gang“ angesagt: wir sitzen auf dem
Burgplatz, werden von den Spießern begafft und begaffen die Spießer. In
dem Lied „wenn ich ein wenig fröhlicher wär´“ ist diese Situation
sehr treffend beschrieben. Unter dem Motto von damals „macht kaputt, was
Euch kaputtmacht“ will „Sternchen“ Sternheimer
eine Bombe bei Karstadt deponieren – zum Glück für ihn und uns
und die möglichen Opfer hat er nie Sprengstoff zur Hand – aber verbal
war der Bau schon 10x weggeblasen. Wir persönlich lassen es langsamer und
ruhiger angehen und versuchen die Leute von unten oder innen zu überzeugen.
Wir verteilten Flugblätter „Wie drehe ich einen Joint “ mit der
Anleitung für den großen 3-blättrigen – oder den „Almanach der
Rauschmittel“ mit Wirkungsangaben. 
Unser wirklich gut gemeintes Flugblatt
mit der Anleitung „Wie nehme ich einen Trip richtig“ (12 Regeln, die nützlich
sind für Neueinsteiger, einen Trip richtig vorzubereiten und zu genießen
und einen Horrortrip zu vermeiden) bringt uns die Anzeige eines Pastors
ein, die aber abgeschmettert wird (nach langer Zeit - da leben wir schon
in Dill und die ganze Angelegenheit wird beim königlich-hunsrückischen
Amtsgericht in Simmern verhandelt – und die wussten gar nicht, um was es
wirklich ging).
.
m Sept. 67 veranstalten wir das
1. Essener Love-In. Wir hatten Jerry Rubins "Do it" gelesen
und wollten das Gelesene (Theorie) nun mit Leben erfüllen (die Praxis).
Mit anderen Worten: wir wollten Fleisch an den Knochen bringen: Wir wollen
testen, ob dieses Essen schon reif für die Liebe ist. Also packen wir uns
in Omas Wolldecken, setzen uns alte Brillen auf, stecken uns Blumen ins
Haar und stürmen zu zweit (in) die Stadt. Mit diesem unseren
Spontanangriff legen wir in nullkommanix den zentralen (Kennedy-) Platz
Essens lahm. Wir drehen ein paar Runden um den Brunnen und singen "we
shall overcome" und irgendwas von San Francisco sowie "Fragt uns
nicht: woher und wohin", anschließend laufen
wir durch die staunend stehen gebliebenen Menschen, verteilen unsere
mitgebrachten 100(0)e von Blumen (lasst
Blumen sprechen, nicht die Politiker) an die Passanten und geben ihnen wichtige Lebensweisheiten
mit auf ihren steinigen Weg durchs Leben wie: "Liebe Deinen Nächsten mehr als Dein
Portemonnaie – Steigt aus - Fresst Euer Geld und sterbt daran - Liebe, solange
Du noch warm bist..."
Wir steigen in´s (Brunnen-) Wasser und umrunden mit unseren Instrumenten das einzige Mädel, das
wirklich stehen bleibt: die Badende
"Junfrau“ in ihrem Becken
.
Mittlerweile ist unsere
"Kommune" auf 6 Mann angewachsen - das Fernsehen ist auch
endlich eingetroffen und interviewt Zuschauer (die gehören eingesperrt -
bei Adolph... - die sind bekloppt usw.), Rundfunk und Presse kommen angerast – für
das biedere Essen, das sich ja nun immerhin „Großstadt“ nennt, ein Medienereignis
aller erster Güte (in Düsseldorf, Berlin oder München hätte sich keine
Sau nach uns umgedreht).
Aus
den Büros strömen Sekretärinnen und Beamte (das musst Du gesehen
haben - da sind so´n paar Irre unterwegs), die umliegenden Kneipen leeren
sich spontan (alles Zechpreller) und die Menge steht, gafft, staunt...Die
City steht für einen Moment still. Doch hätten wir "BUHHH"
geschreien, wären sie alle vor Schreck weggerannt. Dann kommen aber auch
schon die Bullen und regeln den Verkehr, schirmen uns ab und fragen nach
der Demonstrationserlaubnis, dann kommt noch der Regen von oben (von unten
waren wir ja aufgrund unserer Kneipp-Einlage schon angefeuchtet) da
verteilen sich die Leute und der BGS konnte seine Wasserwerfer wieder
einpacken: damit geht unsere Love & Peace-Parade friedlich zu
Ende – und wir Bürgerschrecken steigen zufrieden runter ins Podium und feiern
unseren Erfolg – das Leben ist ein wunderbarer einzigartiger Spaß. |