Witthüser und Westrupp in der Viehofer Str. 25 in Essen - ein Kapitel aus dem Online-Buch von Walter Westrupp

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Ich würde alles, was ich hab´, verkaufen
dann kiffen, ficken, fressen, saufen,
den Bürger, de
r da motzt, erschlagen
und den ewigen Sprung in´s Feuer wagen

(Aus "Wenn ich ein wenig fröhlicher wär
´" T&T)

ach Ende meiner Wehrdienstzeit Mein Kampf, dieser jeden guten Staatsbürger irgendwie formenden Zeit, ziehe ich auch in das Dachgeschoss der Viehofer Str. 25 in Essen. Dort hat Bernhard schon eine „Wohnung“ – und dort beginnt unsere Sturm- und Drangzeit. Allein das Wohnen in den 6 „Apartments“ der Etage (gleichbedeutend mit 6 „Wohnungen“,  das entspricht tatsächlichen  6 „Zimmern“, die im normalen Immobilienmarkt als „Besenkammer“ bezeichnet werden [?!)). Ich will damit sagen: die sind verdammt klein geraten, und ich lass jetzt diese störenden Gänsefüße weg und sage nur: jedes Zimmer hat max. 12m2  und jeweils eine Riesenschräge. dazu hat jedes Zimmer ein riesiges Kombigerät (Kühlschrank/Spüle/Herd am Stück) - da bleibt nicht viel für Möbel. Nicht verschweigen darf man natürlich den Luxus einer Toilette und einer Dusche - für alle. Diese Art von Gemeinschaftseigentum (in den 20er-Jahren durchaus üblich) ist  für die „Altbewohner“ total normal, bedeutet aber für Kommunen-Neueinsteiger bzw. Anfänger - wie ich einer bin - eine tiefe Zäsur in seine bisherige Lebensform und somit ein einschneidendes existenzielles Erlebnis.
Auf meinen 10 m²  komme ich mir mit meinen 1,68 vor wie ein Riese, und rückblickend erscheint mir meine Kammer in der Kaserne gegen dieses Loch wie ein echtes Luxus-Apartment. Aber ich habe ein eigenes Zimmer – eigene 4 Wände! Hab ich die wirklich?

Die Türen einer jeden Wohnung stehen generell alle offen und jeder derKinderbild von W&W Mitbewohner verfügt über mindestens eine Stereo-Anlage, die den ganzen Tag über zweckentsprechend betrieben wird. Da entwickelt sich bei dem Versuch, auf der eigenen Anlage eine Beatles-LP anzuspielen, plötzlich ein neues einzigartiges quadrofonischen Klangerlebnis, bei dem die Beatles ihre Besetzung um Eric Burdon, Golden Earing, Rod Steward und die Stones erweitert haben, und dieser Sound (?) erinnert stellenweise dann an den Free-Jazz, mit dem manche Folkwang-Studenten abends im PODIUM ihre extrem kleine Fangemeinde quälen. Durch die so entstehenden Schallwellen an der Oberkante unseres Hauses ist es das einzige Gebäude in der ganzen Stadt, das meiner objektiven Meinung nach wackelt, je nachdem, wer und wie laut Musik abgespielt wird. Doch - man gewöhnt sich an allem, sogar wenn beim Akt jemand ohne Vorwarnung hereinkommt, nicht mal ein leises „Entschuldigung“ für nötig hält, sondern nach Butter fragt oder warum die Dusche (mal wieder) nicht funktioniert und wer Putzdienst hat - als hätte ich grade nix anderes im Kopp.

Gemeinsames Frühstücken wird zur festen Einrichtung. Morgens so gegen 13 Uhr geht einer los und holt frische Brötchen und all das, was zu einem zünftigen Kommunarden-Frühstück gehört, einer kocht Kaffee und spült Tassen, ein dritter Mitbewohner geht runter in unser im Erdgeschoss gelegenes Musikgeschäft, um sich die LP-Neuerscheinungen auszuleihen, die wir dann beim Frühstück durchhören und somit immer auf dem neuesten Stand zu bleiben: 08 15-Lps wurden unverzüglich zurückgegeben in den freien Verkauf, die hörenswerten, die wir behalten, werden angeschrieben und - wenn irgendwann irgendwoher Geld eingeht, wird dieser manchmal nicht unerhebliche Posten beglichen. Je nach Anzahl der Platten, zudem abhängig von den Erlebnisberichten der einzelnen Kommunarden sowie verschiedener aktueller innerer und äußerer Einflüsse zieht sich so ein Frühstück oft bis zum Mittag (18:00 Uhr).

Mittags - also ca zwischen 18-19 Uhr - bekochen wir uns gegenseitig und treiben uns bei der Kreation neuer Nudel-Pfannen-Gerichte in kulinarisch immer höhere und  kochkünstlerisch bisher nicht erforschte Dimensionen. Wenn es sie gegeben hätte - wir hätten auch Ameisenrüssel und Heuschreckenunterschenkel verarbeitet – doch auch ohne diese Zutaten sind diese gemeinsamen Mahlzeiten (nach Verfeinerung durch extremen Gebrauch von Ketchup, Chili und Sambal Olek) zum endgültigen Auftakt des Tages und für das Zusammenleben eine echte Bereicherung.

rundsätzliche Zwischenbemerkung: Wenn nie oder nur andeutungsweise von Begegnungen mit dem anderen Geschlecht berichtet wird, so heißt das nicht, dass wir schwul sind (was bei einer 2-Mann-Boy-Group oft unterstellt wird). Diese Leute hätten mal das Gestöhne und Geschreie tagaus/nachtein miterleben sollen, das man sehr gut noch auf der Straße miterleben konnte (wir wohnen und arbeiten im 5. Stock, nur mit Dachluken nach oben – und die Straße ist eine laute Verkehrsstrasse). Das nur zur Klarstellung, denn es soll in diesem Buch kein Thema sein. 
Wobei, wenn ich so überlege - könnte das ein extra langes Kapitel werden mit wirklich tiefgreifenden, herzzerreissenden und tragischen Geschichten.

ernhard richtet auf dem Flur ein schwarzes Brett ein, an das fortan der Putzdienst für die Gemeinschaftsräume (Klo/Dusche/Flur) angepinnt, der Kochdienst festgelegt, aktuelle Meldungen der Einzelnen und die „Todesanzeige der Woche“ ausgehängt werden. In diesen Nachrufen finden wir all die tollen Reime, die wir später auf der Flipper-Single-B-Seite in dem Lied „Einst kommt die Nacht, die lange dunkle“ verarbeiten: die Geschichte eines Mannes, der stirbt und dem seine Freunde am Grab ein Abschiedlied singen und er (also der Tote) den Deckel noch mal aufklappt und seinen Freunden auch ein Abschiedlied singt.
Text-Beispiel:
„Du bist befreit von Leid und auch von Schmerz, geliebte altes treues Herz,
nur Müh´ und Arbeit bis ans Ende: nun ruhen Deine fleiß´gen Hände,
die immer nur für uns bereit – das danken wir Dir alle Zeit“.
Aber was soll ich hier viele Zeilen verschwenden: dies ist ein Onlinebuch mit den vielen Möglichkeiten einer Homepage, und somit kann ich dem/der geneigten Leser/in hier gleich die entsprechende Hörprobe anbieten MPG3 mit 16KHz + 24 kbps.

enn nichts Anderes anliegt, dann ist nachmittags „Stadt-Gang“ angesagt: wir sitzen auf dem Burgplatz, werden von den Spießern begafft und begaffen die Spießer. In dem Lied „wenn ich ein wenig fröhlicher wär´“ ist diese Situation sehr treffend beschrieben. Unter dem Motto von damals „macht kaputt, was Euch kaputtmacht“ will „Sternchen“ Sternheimer  eine Bombe bei Karstadt deponieren – zum Glück für ihn und uns und die möglichen Opfer hat er nie Sprengstoff zur Hand – aber verbal war der Bau schon 10x weggeblasen. Wir persönlich lassen es langsamer und ruhiger angehen und versuchen die Leute von unten oder innen zu überzeugen. Wir verteilten Flugblätter „Wie drehe ich einen Joint “ mit der Anleitung für den großen 3-blättrigen – oder den „Almanach der Rauschmittel“ mit Wirkungsangaben. Bernd, Walter und Curny mit Karlchen auf der Essener Kettwiger
Unser wirklich gut gemeintes Flugblatt mit der Anleitung „Wie nehme ich einen Trip richtig“ (12 Regeln, die nützlich sind für Neueinsteiger, einen Trip richtig vorzubereiten und zu genießen und einen Horrortrip zu vermeiden) bringt uns die Anzeige eines Pastors ein, die aber abgeschmettert wird (nach langer Zeit - da leben wir schon in Dill und die ganze Angelegenheit wird beim königlich-hunsrückischen Amtsgericht in Simmern verhandelt – und die wussten gar nicht, um was es wirklich ging). 
Der Text unseres Flugblattes .

m Sept. 67 veranstalten wir das 1. Essener Love-In. Wir hatten Jerry Rubins "Do it" gelesen und wollten das Gelesene (Theorie) nun mit Leben erfüllen (die Praxis). Mit anderen Worten: wir wollten Fleisch an den Knochen bringen: Wir wollen testen, ob dieses Essen schon reif für die Liebe ist. Also packen wir uns in Omas Wolldecken, setzen uns alte Brillen auf, Die ersten Essener Hippies Walter W. und Bernd W. stecken uns Blumen ins Haar und stürmen zu zweit (in) die Stadt. Mit diesem unseren Spontanangriff  legen wir in nullkommanix den zentralen (Kennedy-) Platz Essens lahm. Wir drehen ein paar Runden um den Brunnen und singen "we shall overcome" und irgendwas von San Francisco sowie "Fragt uns nicht: woher und wohin", anschließend laufen wir durch die staunend stehen gebliebenen Menschen, verteilen unsere mitgebrachten 100(0)e von Blumen (lasst Blumen sprechen, nicht die Politiker) an die Passanten und geben ihnen wichtige Lebensweisheiten mit auf ihren steinigen Weg durchs Leben wie: "Liebe Deinen Nächsten mehr als Dein Portemonnaie – Steigt aus - Fresst Euer Geld und sterbt daran - Liebe, solange Du noch warm bist..."  Wir steigen in´s (Brunnen-) Wasser und umrunden mit unseren Instrumenten das einzige Mädel, das wirklich stehen bleibt: die Badende "Junfrau“ in ihrem Becken Tanz um die bronzene Jungfrau. Mittlerweile ist unsere "Kommune" auf  6 Mann angewachsen - das Fernsehen ist auch endlich eingetroffen und interviewt Zuschauer (die gehören eingesperrt - bei Adolph... - die sind bekloppt usw.), Rundfunk und Presse kommen angerast – für das biedere Essen, das sich ja nun immerhin „Großstadt“ nennt, ein Medienereignis aller erster Güte (in Düsseldorf, Berlin oder München hätte sich keine Sau nach uns umgedreht).  Aus den Büros strömen Sekretärinnen und Beamte (das musst Du gesehen haben - da sind so´n paar Irre unterwegs), die umliegenden Kneipen leeren sich spontan (alles Zechpreller) und die Menge steht, gafft, staunt...Die City steht für einen Moment still. Doch hätten wir "BUHHH" geschreien, wären sie alle vor Schreck weggerannt. Dann kommen aber auch schon die Bullen und regeln den Verkehr, schirmen uns ab und fragen nach der Demonstrationserlaubnis, dann kommt noch der Regen von oben (von unten waren wir ja aufgrund unserer Kneipp-Einlage schon angefeuchtet) da verteilen sich die Leute und der BGS konnte seine Wasserwerfer wieder einpacken: damit geht unsere Love & Peace-Parade friedlich zu Ende  – und wir Bürgerschrecken steigen zufrieden runter ins Podium und feiern unseren Erfolg – das Leben ist ein wunderbarer einzigartiger Spaß.

auch die Kinder bekamen was ab Walter & Berhard,
Essens 1. Blumenkinder

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© 2000/2009 by Walter Westrupp  (Beginn: 01.04.00 - letzte Aktualisierung 29.11.2009 )