LOVE & PEACE Fehmarn Festival 1970 -Witthüser und Westrupp 

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LOVE & PEACE-Festival auf der Insel Fehmarn 1970

Nimm einen Joint, mein Freund
that spend´s all Leut´ Freud, mein Freund
same people say: "Hasch makes lasch"
but give me the joint - rasch

If you take LSD in the tea
 are you lucky wie noch nie
but take you too viel in the tea
you will feel it in your knee

If you are lying in your bettgestell
and the horror is your sleepgesell
ánd you no valium under the kissen
dann bist Du ganz schön in den Arsch gekniffen

Von der Witthüser & Westrupp-LP "TRIPS & TRÄUME

 

  LOVE & PEACE DER AUFTRITT FAZIT  

DIE ANGST DER MUSIKERS VOR DEM AUFTRITT

ir liegen in unseren Zimmern in der Viehofer Straße 15 in Essen unterm Dach und erholen uns von den Strapazen der Podium-Nacht (unsere Stamm- & Szene- Kneipe). Es ist irgendwann 1970 so gegen 12.00 Uhr morgens - high noon - eigentlich eine Zeit, wo niemand es wagen sollte, bei uns anzurufen (vor dem Frühstück können wir einfach noch nicht denken und sind verdammt aggressiv). Am anderen Ende der langen Leitung Rolf-Ulrich Kaiser, der Macher des Ohr Labels und unser Produzent. Ich höre Bernhard: "Hast Du mal auf die Uhr geguckt? Weißt Du eigentlich, wie früh es ist... ? ! ... ... Wer? Was? Wann? Was ist das? Ein Festival! Wir?  Wer spielt da? Ah ja, verarschen kann ich mich auch alleine - um diese gottverlassene Zeit. ...Du spinnst!. Nein, vielleicht, ja, ich melde mich noch mal, wenn ich sprechen kann."

Beim Frühstück erzählt er (ich will jetzt nix von seiner zittrigen Stimme erwähnen): wir sollen auf dem größten Open-Air-Festival auf deutschem Boden spielen - auf der Insel Fehmarn. Mit dabei alles, was Rang und Namen hat: Rod Steward, Jimi Hendrix, Sly & the Family Stone, Emerson Lake & Palmer, Colosseum, Procol Harum, Mungo Jerry, Incredable String Band, Renaissance, Peter Green, Taste, Ten Years After,  Ginger Baker´s Airforce, Canned Heat...und Gott und die Welt... und wir: Witthueser & Westrupp.

Ich will es nicht glauben und hoffe es doch und verschluck mich und krieg Krämpfe und weiß: das ist zu viel für meine zarte Musikerseele. Ich schaue hilfesuchend Bernd an - dem geht es ebenso - also auch nicht besser. Wir haben die Essener Songtage - jeder auf seine Weise - hautnah erlebt: eine große Veranstaltung und für uns beide emotional eine Art Weckruf. Wir haben in den Medien Woodstock verfolgt - ein gigantisches Ereignis, doch weit weg von uns. Hier vor Ort im Ruhrpott hatten wir natürlich auch schon unsere Auftritte gehabt und Konzerte gegeben - alleine, gemeinsam oder in vorherigen Formationen - meist in Folkclubs, Jugendzentren und auf kleinen Studiobühnen, sogar auf kleinen Festivals, und das dann vor manchmal doch schon viel mehr als ca. 200 Zuhörern (!). Jetzt trifft uns plötzlich und unerwartet so ein Hammer: 20 – 30.000 Leute werden erwartet, und wir beide mit Ukulele und a-Gitarre und unseren Liebes- und Vampirliedern - 2 klitze kleine deutsche Folk- & Liedermacher-Davids gegen die größten Goliath-Rocker des Universums! Von 0 auf 100 mit einem Fingerschnipp!  Wir geiern und lachen und schreien und tanzen – und haben solche Muffe. Der Totenkopf im Vogelkäfig wackelt bedenklich mit der Kinnlade – doch wir rufen RUK zurück und sagen: natürlich zu. Yippiieee...

DIE ANGST DER AUFTRITT FAZIT  


LOVE & PEACE mit MATSCH & ROCKERN

n unserem alten ungewaschenem, aber vollgetanktem Mercedes Benz fahren wir mit Thedor "Riesenglied Einei" als Roady auf dem Rücksitz freitags morgens in aller Hergottsfrühe Richtung Fehmarn. Am Eingang zum Festival-Gelände abrupter STOP an der Schranke. Die freundlichen, zuvorkommenden, liebenswürdigen und hilfsbereiten Ordner von den Hamburger Hells Angels hauen uns erst mal eine dicke Delle in unsere Motorhaube, heißen uns aufs herzlichste Willkommen  und wollen unseren MERCEDES umkippen - bis wir ihnen irgendwie glaubhaft rüberbringen können, dass wir DIE TOP-ACTS (?) sind und von daher unbedingt rein müssen (was wäre das denn sonst ohne uns für ein Festival?).

Ausschnit aus einem Fehmarn-PosterKlatschnass geschwitzt fahren wir dann durch dieses riesige  Festival-Gelände in Richtung Bühne: 10m (oder waren es 100) hoch, gigantische Ausmaße, Orange-Türme bis in den Himmel. Wir haben einige Festivals miterlebt - aber so etwas noch nicht gesehen: Woodstock in old old Germany. Gerade läuft der Soundcheck mit Ginger Baker´s Air-Force und seinen obergeilen Sänger- und Tänzerinnen:" Hey Mann, ist das doch genau unser Ding, und wir mit bei der Party..."

Wir rauchen uns zunächst ein bis zwei Dreiblättrige, wollen uns danach in der "Baracke" anmelden (Festivalleitungs-Fertighaus mitten auf die grüne Wiese geklotzt) und merken recht schnell: wir sind im Irrenhaus gelandet und gleich kommen die Bewährungshelfer um die Ecke und legen uns allen hier Zwangsjacken an. Hektik und Chaos ohne Anfang und Ende, Telefone klingeln, Leute schreien durcheinander: "wo ist denn der schon wieder, wieso sind die nicht da,  wer seid ihr: was wollt ihr hier?"  Die Hell´s Angels drohen, die Hütte abzureißen, weil sie noch keine Knete gesehen haben (fackeln sie ja schließlich später auch ab), Techniker rennen rein raus raus rein, nach Stunden ziehen wir unverrichteter Dinge wieder ab und suchen uns ein schönes Plätzchen direkt hinter der Bühne nah am Geschehen, wo wir unser Ein-Mann-Zelt aufschlagen und einrichten (Hotel ist nicht drin) - und erforschen zunächst die nähere Umgebung.

Als eine kleine Pause eintritt, wagen wir uns die Treppe hoch - wir besteigen die Bühne und sind von dem Ausblick erschlagen: überall Zelte, Plastikfolien und Menschen, soweit das Auge reicht. Am Horizont Liliputaner oder noch kleinere tanzende Menschleinchen, die heftigst mit ihren kurzen Armen winken und rudern. Fehmarn 1970

Die Bühne selbst – ein Riesenteller. Während vorne eine Gruppe spielt, wird auf dem hinteren Teil (getrennt durch eine Wand) das Equipment der vorherigen Gruppe abgebaut und das der nächsten aufgebaut – per Aufzug werden die Sachen rauf- und runtergefahren. Wenn die vorne fertig gespielt und die im hinteren Teil fertig aufgebaut haben, kommen die Hells, stecken ein paar Holzpfähle in vorgebohrte Aussparrungen und drehen die ganze Scheibe samt Gerätschaften und Musikern um 180° - und weiter geht´s mit Musik - genial.

rgendwann taucht einer der Veranstalter auf und erklärt, dass es für uns keine feste Auftritts-Zeit gibt – das wird kurzfristig entschieden. Ist uns egal, wir beobachten die Aktionen auf und hinter der Bühne, hören der Musik zu, quatschen mit vielen tollen Leuten, musizieren mit anderen Musikern und tun all das, was zu einem Open-Air-Konzert gehört - wir genießen es in vollen Zügen, nicht nur dabei, sondern mittendrin zu sein!

Das Fest läuft, und mit ihm der große Regen. Es schüttet ununterbrochen, die Leute stehen, sitzen und liegen im Schlamm - eingehüllt in Regenjacken, Folien und Planen und hören sich die Cracks an, die aufpassen müssen, dass sie über ihre nassen Instrumente und Mikros keinen gewischt kriegen – es passiert trotzdem. Manche Gruppen treten erst gar nicht auf - es ist ihnen einfach zu gefährlich. Auch unser kleines Zelt hält den Wassermassen nicht so richtig stand - alles ist klamm und feucht. Thedor bleibt als Nachtwache im Zelt, wir übernachten lieber im Wagen. Unsere größte Sorge gilt unseren Instrumenten - und andere Musiker haben diese Sorgen auch...

Die schöne weiße Schleiflackanlage von Sly & the Family Stone wird klitschnass und dreckig, die Roadies fluchen, die Atmosphäre ist trotz (oder wegen?) des Regens elektrisch geladen – die Hells haben Stress mit dem Veranstalter (oder umgekehrt) – es ist nicht alles vom Allerfeinsten, was so am Rande passiert. Hendrix soll am Samstagabend spielen, aber der Regen und damit verbunden die Angst vor einem elektrischen Schlag sorgen für Unsicherheit, die ihn letztendlich davon abhält, auf die Bühne zu steigen und zu spielen (?!$). Alle wollen den Hendrix hören - dafür sind sehr viele schließlich hierhin gekommen, es fliegen Gegenstände auf die Bühne... Am Sonntagmorgen (?) soll er dann endgültig spielen - die ganze Nacht ist dies das Gesprächsthema Nummer eins.

DIE ANGST LOVE & PEACE FAZIT  


DER AUFTRITT

ann kommt der Sonntagmorgen, und mit ihm endlich auch die Sonne. Die vielen Leutchen schälen sich aus ihren Südwestern, Plastikfolien werden eingerollt, die Klamotten trocknen langsam - und die Leute wollen jetzt Musik hören – aber niemand spielt auf - die Riesenbühne liegt verwaist in der Morgensonne. In dieser Notsituation erinnert sich der Veranstalter unser, schlägt auf unser Autodach, wir schrecken hoch, wickeln uns aus unseren Schlafsäcken - wir sind dran und sollen spielen. SOFORT. Waschen, Zähneputzen, Frühstücken, einen heißen Kaffee trinken: all das ist nicht, wir packen unsere Instrumente - und ab geht´s aufwärts. Als wir als deutsch-singendes Duett angekündigt werden, ist das eigentlich nur interessant, weil sich jetzt wohl die letzte Möglichkeit bietet, noch einen schönen Platz fürs Hendrix-Hören zu erobern ... Und was für eine Überraschung wir der Festivalgemeinde bieten: Jimi liegt im Hotel und ist nicht ansprechbar – aber wir sind on stage – und bereit für die Mucke.

Während wir mit unseren vielen kleinen akustischen Instrumenten die Riesenbühne entern und entsprechend angekündigt werden, bekommen wir einen ersten zarten Applaus. Dann sind die Mikrophone eingenordet und mein erster Ukulelenton rollt über die Menge hinweg - wir ernten wir Ovationen. Und als Bernhard dazu bemerkt: "verausgabt euch nicht: gleich kommt noch der Jimi, der soll auch ganz gut sein", da haben wir gewonnen.


Der wohl der einzig existierende optische Beweis für die Auftritt von W&W beim Festival auf Fehmarn
Foto: Günter Zint

Unsere Songs – akustisch, ruhig und lyrisch – wallen über das Festival-Gelände und werden eins mit dem sonnigen Morgen. Es ist eine paradiesische Stimmung, ein unwiederbringliches Erlebnis für uns, vergessen ist unsere Angst, sie verfliegt mit der Musik. Lustig und heiter - es fällt Licht in die Seelen der Festival Audienz... Und die wollen MEHR, und dann NOCH MEHR: es scheint, als freuen sich alle, deutsche Texte und unverzerrte Gitarren zu hören. Zum Abschluss erklingt unsere Flipper-Hymne, und die Freaks singen - nach entsprechender Animation - dann auch tatsächlich mit. Jetzt dürfen wir erst recht nicht von der Bühne – Zugaben folgen.

Mit Hilfe des Publikums wird den Versuchen der Veranstalter, den Zeitplan einzuhalten, getrotzt: wir sind so abgefahren und das Publikum mit uns, dass sie den Hendrix warten lassen wollen - um uns zu hören... MEHR, MORE, und wir antworten mit einem Satz als Reaktion auf die weiteren nicht enden wollenden Ovationen “... als eine ganz ganz junge neue Gruppe  haben wir nur ein sehr beschränktes Repertoire, und deswegen fangen wir nun wieder von vorne an " und spielen weiter und der HENDRIX kann warten...

Kurz danach ist dann aber enfgültig Schluss: es ist geschafft, wir sind geschafft. Wie im Traum taumeln wir von der Bühne herunter – Schulterklopfen, Händeschütteln, Interviews geben, Veranstalter-Adressen entgegen nehmen. Eigentlich ist der Plan, noch Alexis Corner und Jimi anzuhören, aber die Presse ist hinter uns her, eine Welle der Zuneigung schwappt über uns weg: irre, Wahnsinn, unglaublich – für uns "too much". Corner hören wir nicht mehr, auf Jimi warten wir erst garnicht: wir packen unsere Klamotten ins Auto, ein Bauer mit seinem Trekker zieht uns aus dem Schlamm, irgendwie kriegen wir den Motor ans laufen und düsen nach Süden Richtung Heimat - das alles will erst mal verarbeitet sein...

DIE ANGST LOVE & PEACE DER AUFTRITT


FAZIT

ür uns W&Ws war es der erste große, für Jimi der letzte Auftritt - begegnet sind wir uns leider nicht. Die Zeitungen (genau genommen ist es Petra Stenzke von den Aachener Nachrichten, die uns ein Jahr später während der TRIPS & TRÄUME - Produktion bei Dieter Dierks in Stommeln besucht) nennen uns hinterher "die Könige von Fehmarn" –  Abräumer des Festivals. Zu hoch gegriffen? Ja gut: Gage gab es keine, die Kasse war weg und mit dem Kassierer auf der Flucht. Dennoch war es der bis dato gigantischste GIG für uns: ein absolutes Highlight in unserem Musikerleben.

P.S. Ich habe es tatsächlich geschafft, noch unter den Lebenden zu weilen, um 2021 den Veranstaltern anlässlich des 50. Jahrestages dieses Love & Peace-Festivals ein Grußwort zu übermitteln: wer hätte das gedacht? Ich am allerwenigsten...

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68er nach Noten - Kapitel 5: Fehmarn
©
2000 by Walter Westrupp - letzte Aktualisierung März 2020
Fotos auf dieser Seite stammen von der website www.fehmarnfestival1970.com