Nachwort zum Online-Buch über Witthüser und Westrupp

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Viele Dinge zeigt der Spiegel,
und nicht alle werden, wie sie hier scheinen.
Manche werden nie geschehen,

es sei denn, das jene, die die Bilder seh´n
von ihrem Pfad abweichen, um sie zu verhindern..

(aus „Das Mächen vom Königssohn")

I

Jahre haben wir W&W´s zusammen unser Ding gemacht: wir haben zusammen studiert, gesoffen, gestaunt, musiziert, komponiert, meditiert, geraucht, geschluckt, gelacht, gestritten, gelitten und unendlich viel Spaß gehabt und gemacht. Wir sind gefahren, abgefahren, geflippt und geflippt worden, haben erfunden und gefunden, haben gelebt und erlebt:

wir haben „Musik“ gemacht.

Wir haben Einblick in eine andere Wirklichkeit genommen auf unseren "Reisen", wir haben oft einen Blick unter die Oberfläche getan, wir haben in uns hinein gehört, wir waren in Himmel und Hölle, wir haben uns mit vielen seltsamen Dingen und Berichten beschäftigt und mit vielen „Reisenden“ gesprochen, die von ähnlichen Erfahrungen berichteten: Vieles davon haben wir in unsere Texte gepackt und so verarbeitet. 

Im Nachhinein wird mir überdeutlich klar, das wir solche Texte und solche Musik niemals in der Stadt hätten schreiben und spielen können. Wenn ich auf der „Lorelei" saß,  dann war ich real in der Welt, die wir in unseren Liedern besangen: zauberhaft, märchenhaft, abseits aller Hektik, über aller Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit. Durch die Konzentration auf "unser Ding" war diese Performance, diese Symbiose von fast religiösen Texten und märchenhafter Musik möglich: Mönche der Musik.   

ei unseren Abstechern in die "normale" Welt (nach Essen) stellten wir fest, dass unser Abstand zu den alltäglichen Dingen, zu unseren alten Freunden, unseren Familien immer größer wurde. Unsere Plattenfirma, unsere Produzenten, unsere Berater hatten uns und wollten uns natürlich immer weiter abkapseln, auf Kurs halten.  „Unsere Welt“ mit all diesen existenziellen Erfahrungen, mit tollen Bekanntschaften war grenzenlos toll und erfüllend. 
Doch verdammt: ewig lockt das Weib, lockt das Leben, das Flippen, das neue Alte, das Gewohnte und Vertraute. Der Vogel, der im Käfig sitzt – und sei dieser noch so schön eingerichtet - möchte raus: möchte frei sein. Wir waren – trotz allem - Großstadtkinder geblieben mit unseren Wurzel eben dort: bei unseren alten Freunden, unseren Kneipen, Kinos, MÄDELS, Neon, Geschäften: bei dem pulsierenden Leben. Sollten wir das alles hinter uns lassen – den Abstand immer größer werden lassen und uns hinterher nur noch mit einigen „Weisen“ unterhalten können. Wir hatten ja kein Gelübde abgelegt, keine ewige Askese geschworen: die Mauern waren durchlässig. 

Unser Produzent Rolf Ulrich Kaiser (kurz RUK genannt) ist seinen Pfad konsequent  weitergegangen: abgehoben und irgendwann ohne den Bezug zur Realität. Er hat tolle Sachen geformt und durchgezogen - hatte Visionen - aber kaum jemand konnte oder wollte ihm zuletzt noch folgen, und so lebte er lange verarmt?, (fast) vergessen und unter Verfolgungswahn leidend als "Mr. Null" zusammen mit seiner "Muse" Gille Lettman, dem "Sternenmädchen" in "seiner  ko(s)mischen Welt" irgendwo in einer Mietwohnung in der Nähe einer großen deutschen Brauerei am Möhnesee. Aber auch da musste er weichen (weltliche Vermieter wollen nun mal echte € sehen) und so haust er z. Zt. in einer Klosterzelle (war da nicht mal was mit einem Mönch?...) Und: er lebt, auch wenn das viele nicht glauben wollen (Stand 09.2007).

Viele seiner Musiker von damals schimpfen heute auf ihn - sind sauer auf ihn - haben gegen ihn prozessiert. Okay - wir hatten alle Scheiß-Verträge. Aber wer hätte uns und vielen anderen damals denn überhaupt einen Plattenvertrag gegeben. Viele Bands (da schließe ich W&W mit ein) wären doch aus ihrem lokalen Umfeld gar nicht raus gekommen, wäre RUK nicht gewesen. Das sollte man bei seiner Bewertung nicht unterschlagen. Das er dann ausgeflippt ist - naja, da ist er nicht der Erste und Einzige aus dieser Szene.

Diesen "seinen" Weg wollten (und konnten) wir nicht mitgehen – wir beendeten diese unsere „Reise in eine andere Wirklichkeit“ und traten den Rückweg an: 
Bernhard nach Berlin und ich zurück nach Essen.

Wilde Jahre waren das. Wir haben sie Gott sei Dank nicht nur unbeschadet überstanden (im Gegensatz zu manchem Anderen, der diesen Sprung zwischen mehreren Welten nicht verarbeiten konnten), sondern wir haben existenzielle Erfahrungen gemacht und gesammelt und verinnerlicht, die keiner von uns je missen möchte und wohl auch nie vergessen wird.

In dieser Sturm- und Drangzeit hatten wir nur unseren eigenen Rucksack zu tragen, waren wir nur uns selbst Rechenschaft schuldig: wir machten, was wir wollten. 
Mein Umfeld änderte sich: Frau, Familie, Kind - und damit verbunden wirtschaftliche Zwänge - der Beruf kam dazu, die (alltägliche) Müh(l)e. Die Musik mit der Walter h.c. Meier Pumpe bleibt.  
Heute sage ich: "Habe einen Sohn gezeugt, ein Haus gebaut, einen Baum gepflanzt: nun kann ich mich zur Ruhe setzen". Also bin ich "Rentner" geworden. Im Klartext: Bin endlich wieder Herr meiner Zeit, ein "freies" Leben ohne Abhängigkeiten fängt jetzt so richtig an: Familie, Freunde, Musik, Computer, Haus, Garten, Hunde, Katzen, Fotografie, Sport, Kino... 
"Hab´ nun weniger Zeit als früher"!  Und bin immer noch ICH: hab mich nie verbogen, hab mich nicht verbiegen lassen. Manche Ziele habe ich im Laufe der Zeit neu gesteckt, erweitert, andere suche ich immer noch... Hab´ keine Kumpel  beschissen, niemanden über den Tisch gezogen, keinen gemobbt, bin nie jemandem in den Rücken gefallen: Und kann daher auch heute immer noch in den Spiegel gucken, ohne kotzen zu müssen...

nd dann holt mich die W&W-Zeit doch wieder ein. 1985 meldet sich ein Bernhard Mikulski telefonisch und bittet um einen Termin, da er etwas mit mir zu besprechen hat. Er taucht mit seiner Frau Christa auf und erklärt, dass er die W&W-Lp´s neu auflegen will. Rechtliche Fragen bräuchten mich nicht zu interessieren – das würde er alles regeln und evtl. Forderungen der Altherausgeber (die seit Jahren eine immer noch bestehende Nachfrage nicht befriedigen wollten) selbst übernehmen. Eine Zusage von Bernhard Witthüser hat er schon – und meine bekommt er natürlich auch. Und so erscheinen unsere Lieder – fast im Original-Look - wieder in den Läden und werden dankend gekauft, während im Hintergrund ein langer Rechtsstreit tobt, der mich aber nicht weiter tangiert. Bernhard Mikulski, seiner Frau und ihrer Fa. ZYX-Records ist es also zu verdanken, dass es noch heute W&W–Musik –  mittlerweile auf CD – gibt: dafür an dieser Stelle (an B. posthum) ein großes Dankeschön.

m Februar 2003 - quasi als Geburtstagsgeschenk - bringt uns der 60. Geburtstag unseres gemeinsamen Freundes „Mr. Ruhrgebiet" Frank Baier, der am selben Tag wie ich Geburtstag hat, zu unserer beider Überraschung wieder zusammen. In Duisburg auf Franks großer Geburtstagsfeier treffen wir uns nach fast 13 Jahren wieder - und ich hab ihn fast nicht wieder erkannt - so gut sieht er aus. Aber so ist das ja immer beim Totgesagten (was auf einem Gerücht beruht, das wiederum auf eine Verwechselung zurückzuführen ist: gestorben ist Bernhard Mikulski und nicht Bernhard Witthüser aus I.). Das mit Bernhard M. tut uns beiden leid, das mit Bernhard W. tut gut.
Und - wer hätte das je für möglich gehalten - machen wir nach über 30 Jahren wieder zusammen Musik: zwar keine W&W-Titel, aber einige alte Skiffle-Songs geben wir mit Ukulele und Mandoline zum Besten. Wir haben viel Spaß, das Publikum erst recht,  und wir schwelgen in Erinnerungen und stellen übereinstimmend fest: HURRA, wir leben noch... 

 rgendwie hört es plötzlich überhaupt nicht mehr auf, denn neben alten Freunden von damals tauchen 2004 (wie im TEHOMA-Kapitel beschrieben) alte Filmaufnahmen aus der Versenkung, bekomme ich Videos mit alten W&W-Aufnahmen, melden sich bei Andeutung einer W&W-DVD Freunde dieser unserer Musik aus ganz Europa - und nicht nur alte nostalgische Säcke, die in der Vergangenheit leben. Und die "Krautrock"-Ära" wird auch in Deutschland endlich aufgearbeitet: in Büchern, in Sondereditionen und im dtsch. Fernsehen.
Dann war es also wohl doch nicht ganz so uninteressant, was wir damals "gelebt" haben.

Das würde auch meine Eltern freuen .. 

Walter 'Westrupp

Essen 23.03.2002, letztmalig geändert 28.09.2007

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