Walter Westrupp blickt in "68er nach Noten" zurück auf Witthüser & Westrupp - und was davon bleibt:

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In stiller Nacht geht ganz allein
ein Teppichhändler durch eines Waldes Hain
er betritt eine Lichtung und hebt das Gesicht
und sieht seltsame Sterne in gleißendem Licht.
Auf der Wiese sieht er eine Blume steh´n
glitzernd und herrlich anzusehn
und er fasst diese Blume und bricht sie sacht
da öffnet sich ihm einer Höhle Schacht.

Er tritt in einen hellen, weiten Raum
mag nicht glauben, was seine Augen schaun
voller Silber, Gold und Edelsteinen
sieht er drei Grotten vor sich erscheinen.
Und er sieht sein Leben in Reichtum und Macht
ist geblendet von des Geschmeides Pracht
seine Zukunft erschein ihm gesichert und klar
ein neues Leben beginnt; das alte war!

Und wie er so steht und seinen Traum genießt
bemerkt er, wie sich das Tor langsam schließt;
da greift er, was er nur fassen kann
und springt heraus -

hinter ihm schließt sich die Höhle
mit dunklem Klang.
Er betrachtet den Reichtum in seiner Hand,
doch der zerfällt - und wird zu Sand
und er bemerkt, dass er das Schönste vergaß:
die Blume - den Schlüssel, den er besaß.

"Die Schlüsselblume" von der Witthüser & Westrupp-LP "Bauer Plath"


 • RUK & DAS STERNENMÄDCHENWAS BLEIBT

DER BLICK ZURÜCK

Jahre haben wir W&W´s zusammen unser Ding gemacht: wir haben zusammen studiert, gesoffen, gestaunt, musiziert, komponiert, meditiert, geraucht, geschluckt, gelacht, gestritten, gelitten und unendlich viel Spaß gehabt und gemacht. Wir sind gefahren, abgefahren, geflippt und geflippt worden, haben erfunden und gefunden, haben uns treiben lassen, sind gegen den Strom geschwommen, haben uns nie verloren und viele Freunde gewonnen - wir haben gelebt und erlebt: 
wir haben „Musik“ gemacht
.

Wir haben Einblicke in eine andere verborgene Wirklichkeit genommen auf unseren "Reisen", wir blickten unter die Oberfläche, hörten in uns hinein, durchlebten Himmel und Hölle, beschäftigten uns mit vielen seltsamen Dingen und geheimnisvollen Berichten, durchlebten inspirierende Begegnungen mit uns selbst und verarbeiteten bewusstseinserweiternde Erlebnisse in Gesprächen mit anderen „Reisenden“, die von ähnlichen tiefgreifenden Erfahrungen berichteten: vieles davon haben wir in unsere Texte gepackt: für die Wissenden Bestätigung, für den Rest einfach schöne Lieder.... 

Im Nachhinein wird mir überdeutlich klar, daß wir solche Texte und solche Musik niemals in der Stadt hätten schreiben und spielen können. Wenn ich auf der „Lorelei" saß, dann war ich real in der Welt, die wir in unseren Liedern besangen: zauberhaft, märchenhaft, abseits aller Hektik, über aller Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit. Durch die Konzentration auf "unser Ding" war diese Performance, diese Symbiose von fast religiösen Texten und märchenhafter Musik überhaupt möglich geworden: Mönche der Musik. 

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nd dennoch: bei den gelegentlichen Abstechern in die "normale" Welt (nach Essen) stellten wir fest, dass unser Abstand zu den alltäglichen Dingen, zu unseren alten Freunden, unseren Familien immer größer wurde. Unsere Plattenfirma, unsere Produzenten, unsere Berater hatten uns - und wollten uns natürlich - immer weiter abkapseln, auf Kurs halten. „Unsere Welt“ mit all diesen existenziellen Erfahrungen, mit tollen Bekanntschaften war grenzenlos toll und erfüllend. 
Doch verdammt: ewig lockt das Weib, lockt das Leben, das Flippen, das neue Alte, das Gewohnte und Vertraute. Der Vogel, der im Käfig sitzt – und sei dieser noch so schön eingerichtet - möchte raus: möchte frei sein. Wir waren – trotz allem - Großstadtkinder geblieben mit unseren Wurzel eben dort: bei unseren alten Freunden, unseren Kneipen, Kinos, Kultur, MÄDELS, Neon, Geschäften: bei dem pulsierenden Leben. Sollten wir das alles vergessen und hinter uns lassen – der Abstand dorthin wurde immer größer, und schlussendlich hätten wir uns nur noch mit einigen wenigen „Weisen“ unterhalten können. Wir hatten ja kein Gelübde abgelegt, keine ewige Askese geschworen: die Mauern waren durchlässig.



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RUK & DAS STERNENMÄDCHEN

einen Weg ist unser Produzent Rolf Ulrich Kaiser (kurz RUK genannt) zusammen mit seiner Partnerin konsequent weitergegangen: abgehoben mit Timothy Leary und anderen Ko(s)mischen Kurieren, mit ganz viel von seinem sagenumwobenen "Kaisers Kaffee" mit der einen oder anderen Dosis LSD zuviel - und irgendwann dann ohne jeglichen Bezug mehr zur Realität. 

Er hatte Visionen - aber kaum jemand konnte oder wollte ihm am Ende noch folgen, und so lebte er letztlich verarmt, (fast) vergessen und unter Verfolgungswahn leidend als "Mr. Null" zusammen mit seiner "Muse" Gille Lettmann, dem "Sternenmädchen", in seiner ureigenen kosmischen Welt irgendwo in einer Mietwohnung in der Nähe einer großen deutschen Brauerei am Möhnesee. Aber auch da musste er weichen (weltliche Vermieter wollen nun mal echte € sehen), und hauste eine Zeit lang in einer Klosterzelle (war da nicht mal was mit einem Mönch?...) ...Und: er lebt (Stand 11.2019) immer noch - auch wenn das viele nicht glauben wollen. Da ward er gesehen als seniler "Herr Cristallis" in Begleitung einer verrückten alten Dame... Dass RUK und seine Muse ausgeflippt sind - naja, da sind sie nicht die Ersten und Einzigen aus dieser teilweise verrückten und wahnsinnigen Musik-Szene.
Er hat tolle Sachen geformt, performt und durchgezogen. Für uns war er nicht nur unser Produzent - er war Motivator, Manager, Künstlerbetreuer, Pressemann: alles in Einem. Und er war - zumindest aus meiner Zeit kann ich das sagen - immer fair. Viele seiner Musiker von damals schimpfen heute auf ihn - sind sauer, fühlten sich beschissen und ausgebeutet und haben gegen ihn prozessiert. Okay - wir hatten alle Scheiß-Verträge. Aber wer hätte uns und vielen anderen damals überhaupt einen Plattenvertrag gegeben. Viele Bands (da schließe ich W&W mit ein) wären doch aus ihrem lokalen Umfeld gar nicht raus gekommen, wäre RUK nicht gewesen. In seinem Windschatten sind viel Gruppen erst hochgespült worden - all das sollte man bei einer Bewertung nicht unterschlagen. Zudem kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass ich hinterher von anderen Seiten wirklich professionell beschissen worden bin.


Seit geraumer Zeit wird die "Krautrockzeit" (ein Begriff, den es damals nicht gab und der posthum vergeben wurde) in diversen Fernsehsendungen und in Büchern aufgearbeitet - dabei wurde die Rolle von RUK oft unterschlagen oder falsch ausgelegt. Jetzt erst in letzter Zeit - vor allem zu seinem 75 Geburtstag im Jahre 2018  - erscheinen gut recherchierte und sachgerechte Bewertungen seiner Tätigkeiten - ob als Publizist oder als Produzent - in Presse, Büchern und TV-Berichten : vielleicht auch irgendwann mal eine ehrliche Würdigung des "Menschen Kaiser"? 

iesen "seinen" Kaiserweg wollen (und können) wir nicht mitgehen – wir beenden unsere „Reise in eine andere Wirklichkeit“ und treten den Rückweg an: Bernhard geht zunächst nach Berlin, reist dann um die Welt und bleibt schließlich in Italien hängen - und mich zieht es zurück nach Essen.

In der oben beschriebenen Sturm- und Drangzeit habe ich nur meinen eigenen kleinen Rucksack zu tragen gehabt, war nur mir selbst Rechenschaft schuldig: ich konnte machen, was ich wollte. Mit dem Ende der W&W-Zeit ändert sich nach und nach mein Umfeld: Frau, Familie, Kind - und damit verbunden wirtschaftliche Zwänge - der Beruf kommt dazu, die (alltägliche) Müh(l)e. Die Musik, egal ob mit der Walter h.c. Meier Pumpe (über 30 Jahre), mit den Masters of Ukulele, dem Jugbandprojekt oder auch als "One Man Skiffle Kapelle": sie bleibt.  
Heute sage ich: "Habe einen Sohn gezeugt, ein Haus gebaut, einen Baum gepflanzt: nun kann ich mich zur Ruhe setzen". Also bin ich "Rentner" geworden. Im Klartext: ich bin endlich wieder Herr meiner Zeit, ein "freies" Leben ohne Abhängigkeiten fängt jetzt so richtig an: Familie, Freunde, Musik, Computer, Haus, Garten, Hunde, Katzen, Fotografie, Sport, Kino... 
"Hab´ nun weniger Zeit als früher"!  Und bin immer noch ICH: hab mich nie verbogen, hab mich nicht verbiegen lassen. Manche Ziele habe ich im Laufe der Zeit neu gesteckt, erweitert, andere suche ich immer noch... Hab´ keinen Kumpel  beschissen, niemanden über den Tisch gezogen, keinen gemobbt, bin nie jemandem in den Rücken gefallen: Und kann daher auch heute immer noch in den Spiegel gucken, ohne kotzen zu müssen...

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WAS BLEIBT

ilde Jahre waren das. Ich habe sie Gott sei Dank unbeschadet überstanden (im Gegensatz zu manchem Anderen, der diesen Sprung zwischen mehreren Welten nicht verarbeiten konnten), und bin im Nachhinein meinen Eltern für die Vermittlung, für das Vorleben von Grundwerten dankbar, die ich unbewußt aufgenommen habe und die ich nicht so einfach ablegen oder ignorieren konnte und wollte - und ich habe in jenen 6 Jahren W&W existenzielle Erfahrungen machen dürfen, die mich in meiner Entwicklung weiter gebracht haben, die ich nicht missen möchte und nie vergessen werde.

Unser musikalisches Wirken bleibt auch für die Entwicklung der Essener Musik-Szene nicht ohne Wirkung: aus der Skiffle- und Beat-Zeit kamen wir, und in und aus unserem "Dunst'"-Kreis entwickelt sich Neues, wie unser Freund Frank Baier, der unseren musikalischen Werdegang von Beginn an hautnah verfolgen konnte, in dem Buch "Folk- und Liedermacher an Rhein und Ruhr - Musikland NRW" anhand eines Essener-Szene-Netzes anschaulich aufzeigt:

 
...mit freundlicher Genehmigung von Frank himself

Auch in seinem ziegelsteingrossen und -schweren Werk "Liederbuch Ruhr - Lieder und Lexikon" beschreibt er unser musikalisches Leben, und...

immer wieder holt mich diese W&W-Zeit ein: 

1981 meldet sich ein Bernhard Mikulski telefonisch und bittet um einen Termin, da er etwas mit mir zu besprechen hat. Er taucht mit seiner Frau Christa in seinem amerikanischen Schlitten bei mir auf und erklärt, dass er die W&W-LPs neu auflegen will. Er hatte seinerzeit einen kleinen Plattenvertrieb und hatte seinen Außendienstmitarbeitern aufgetragen, gezielt nach Musik zu fragen, die in den Plattenläden nicht mehr zu bekommen war. So kam er zu den Ohr- und Pilz-Produktionen - und damit auch zu W&W. Rechtliche Fragen bräuchten mich nicht zu interessieren – das würde er alles regeln und evtl. Forderungen der Altherausgeber (die eben seit Jahren eine immer noch bestehende Nachfrage nicht befriedigen wollten) selbst übernehmen. Eine Zusage von Bernhard Witthüser hat er schon – und meine bekommt er natürlich auch. Und so erscheinen unsere Lieder – fast im Original-Look - wieder in den Läden und werden dankend gekauft, während im Hintergrund ein langer Rechtsstreit tobt, der mich aber nicht weiter tangiert. In den nächsten Jahren verkauft er mal eben über 100.000 W&W-LPs - wer hätte sich das damals bei der Erstauflage ausmalen können... Bernhard Mikulski, seiner Frau Christa und ihrer Fa. ZYX-Records ist es also zu verdanken, dass es noch eine ganze lange Zeit die W&W–Musik –  mittlerweile auf CD – gab: dafür an dieser Stelle (an B. posthum) ein großes Dankeschön.

Im Februar 2003 - quasi als Geburtstagsgeschenk - bringt uns der 60. Geburtstag unseres gemeinsamen Freundes „Mr. Ruhrgebiet" Frank Baier, der am selben Tag wie ich Geburtstag hat, zu unserer beider Überraschung wieder zusammen. In Duisburg auf Franks großer Geburtstagsfeier treffen wir uns nach fast 13 Jahren wieder - und ich hab ihn fast nicht wieder erkannt - so gut sieht er aus.
Aber so ist das ja zum Glück bei Totgesagten, wenn sie tatsächlich wieder auftauchen  (was in diesem Fall auf einem Gerücht beruht, das wiederum auf eine Verwechselung zurückzuführen ist: gestorben war Bernhard Mikulski und nicht Bernhard Witthüser aus I.). Das mit Bernhard M. tut uns beiden leid, das mit Bernhard W. tut gut.

... und - wer hätte das je für möglich gehalten - machen wir nach über 30 Jahren wieder zusammen Musik: zwar keine W&W-Titel, aber einige alte Skiffle-Songs geben wir mit Ukulelen und Mandoline zum Besten. Wir haben viel Spaß, das Publikum erst recht, und wir schwelgen in Erinnerungen und stellen übereinstimmend fest: HURRA, wir leben noch.. (Aufnahmen von diesem Gig sind auf der W&W-DVD).

... bis zum 07. August 2017: da erreicht mich die Nachricht, das Bernd am 04.08.17 in Italien im Alter von 73 Jahren gestorben ist. SCHEISSE.
Am Donnerstag den 26.09.17 fand in der Apostelkirche zu Essen "in memoriam Bernd Witthüser" statt. Alte Weggefährten, FreundInnen und  Musikerkollegen erinnerten mit Beiträgen, Fotos und in Gesprächen an einen der Ihren, der schon mal vorgegangen ist.     

2004 tauchen (wie im TEHOMA-Kapitel beschrieben) alte Filmaufnahmen aus der Versenkung auf, zudem bekomme ich Filmmaterial mit W&W-Aufnahmen auf Video-Kassetten - die Idee einer DVD reift in mir - und prompt melden sich bei der Andeutung einer W&W-DVD Freunde dieser unserer Musik aus ganz Europa - und es sind nicht nur ein paar alte nostalgische Säcke, die in der Vergangenheit leben...

Die "Krautrock"-Ära (!?)" wird auch in Deutschland aufgearbeitet - im Ausland war das schon viel früher geschehen. Die beteiligten Musiker und Gruppen dieser Zeit finden endlich die Beachtung, die sie verdienen: in Büchern (Liederbuch Ruhr, Menschen und Projekte in Essen, Zappa Zoff und Zwischentöne, Aufgewachsen in Essen, Folk und Liedermacher an Rhein und Ruhr, der Klang der Revolte...), in Sondereditionen (z.B. beim German Rock e.V.) in div. Radiosendungen und im dtsch. Fernsehen (Kraut & Rüben, Roboter essen kein Sauerkraut, Kopfüber in die 60er, Schwarzes Gold - Musik im Ruhrgebiet...), auf diversen Samplern - und auch im Rocknpopmuseum in Gronau wird man fündig...

eber 50 Jahre sind seit der 1. Begegnung mit Bernd vergangen - und immer noch kommen Fernsehteams (selbst aus den USA) und Redakteure und fragen nach Stories, Fakten, Begebenheiten und persönlichen Eindrücken - ja sogar ein historischer Live-Mitschnitt aus 1971 von der Generalprobe des Jesuspilzes wird neu auf Vinyl herausgebracht:

dann war es wohl doch nicht ganz so uninteressant, was wir damals "gelebt" haben.

Das würde (auch) meine Eltern freuen .. 

Walter Westrupp

 

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Essen 23.03.2002, letztmalig geändert 12.09.2020