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In stiller Nacht geht ganz allein
ein Teppichhändler durch eines Waldes Hain
er betritt eine Lichtung und hebt das Gesicht
und sieht seltsame Sterne in gleißendem Licht.
Auf der Wiese sieht er eine Blume steh´n
glitzernd und herrlich anzuseh´n
und er fasst diese Blume und bricht sie sacht
da öffnet sich ihm einer Höhle Schacht.

Er tritt in einen hellen, weiten Raum
mag nicht glauben, was seine Augen schau´n
voller Silber, Gold und Edelsteinen
sieht er drei Grotten vor sich erscheinen.
Und er sieht sein Leben in Reichtum und Macht
ist geblendet von des Geschmeides Pracht
seine Zukunft erschein ihm gesichert und klar
ein neues Leben beginnt; das alte war!

Und wie er so steht und seinen Traum genießt
bemerkt er, wie sich das Tor langsam schließt;
da greift er, was er nur fassen kann
und springt heraus -

hinter ihm schließt sich die Höhle
mit dunklem Klang.
Er betrachtet den Reichtum in seiner Hand,
doch der zerfällt - und wird zu Sand
und er bemerkt, dass er das Schönste vergaß:
die Blume - den Schlüssel, den er besaß.

Witthüser & Westrupp - "Die Schlüsselblume" aus "Bauer Plath


Jahre haben wir W&W´s zusammen unser Ding gemacht: wir haben zusammen studiert, gesoffen, gestaunt, musiziert, komponiert, meditiert, geraucht, geschluckt, gelacht, gestritten, gelitten und unendlich viel Spaß gehabt und gemacht. Wir sind gefahren, abgefahren, geflippt und geflippt worden, haben erfunden und gefunden, haben zusammen gelebt und erlebt:

wir haben „Musik“ gemacht.

Wir haben Einblick in eine andere Wirklichkeit genommen auf unseren "Reisen", wir haben oft einen Blick unter die Oberfläche getan, wir haben in uns hinein gehört, wir waren in Himmel und Hölle, wir haben uns mit vielen seltsamen Dingen und Berichten beschäftigt und mit vielen „Reisenden“ gesprochen, die von ähnlichen Erfahrungen berichteten: vieles davon haben wir in unsere Texte gepackt und dadurch verarbeitet. 

Im Nachhinein wird mir überdeutlich klar, das wir solche Texte und solche Musik niemals in der Stadt hätten schreiben und spielen können. Wenn ich auf der „Lorelei" saß, dann war ich real in der Welt, die wir in unseren Liedern besangen: zauberhaft, märchenhaft, abseits aller Hektik, über aller Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit. Durch die Konzentration auf "unser Ding" war diese Performance, diese Symbiose von fast religiösen Texten und märchenhafter Musik überhaupt möglich geworden: Mönche der Musik. 

  

ei unseren Abstechern in die "normale" Welt (nach Essen) stellten wir fest, dass unser Abstand zu den alltäglichen Dingen, zu unseren alten Freunden, unseren Familien immer größer wurde. Unsere Plattenfirma, unsere Produzenten, unsere Berater hatten uns und wollten uns natürlich immer weiter abkapseln, auf Kurs halten.  „Unsere Welt“ mit all diesen existenziellen Erfahrungen, mit tollen Bekanntschaften war grenzenlos toll und erfüllend. 
Doch verdammt: ewig lockt das Weib, lockt das Leben, das Flippen, das neue Alte, das Gewohnte und Vertraute. Der Vogel, der im Käfig sitzt – und sei dieser noch so schön eingerichtet - möchte raus: möchte frei sein. Wir waren – trotz allem - Großstadtkinder geblieben mit unseren Wurzel eben dort: bei unseren alten Freunden, unseren Kneipen, Kinos, MÄDELS, Neon, Geschäften: bei dem pulsierenden Leben. Sollten wir das alles hinter uns lassen – den Abstand immer größer werden lassen und uns hinterher nur noch mit einigen „Weisen“ unterhalten können. Wir hatten ja kein Gelübde abgelegt, keine ewige Askese geschworen: die Mauern waren durchlässig. 

Unser Produzent Rolf Ulrich Kaiser (kurz RUK genannt) ist seinen Pfad konsequent  weitergegangen: abgehoben und irgendwann ohne den Bezug zur Realität. Er hat tolle Sachen geformt und durchgezogen. Für uns war er nicht nur unser Produzent - er war Motivator, Manager, Künstlerbetreuer, Pressemann: alles in Einem. Und er war - zumindest aus meiner Zeit kann ich das sagen - immer fair.

Er hatte Visionen - aber kaum jemand konnte oder wollte ihm zuletzt noch folgen, und so lebte er lange verarmt?, (fast) vergessen und unter Verfolgungswahn leidend als "Mr. Null" zusammen mit seiner "Muse" Gille Lettmann, dem "Sternenmädchen" in "seiner ko(s)mischen Welt" irgendwo in einer Mietwohnung in der Nähe einer großen deutschen Brauerei am Möhnesee. Aber auch da musste er weichen (weltliche Vermieter wollen nun mal echte € sehen) und so haust er z. Zt. in einer Klosterzelle (war da nicht mal was mit einem Mönch?...) Und: er lebt, auch wenn das viele nicht glauben wollen (Stand 09.2007).

Viele seiner Musiker von damals schimpfen heute auf ihn - sind sauer auf ihn - haben gegen ihn prozessiert. Okay - wir hatten alle Scheiß-Verträge. Aber wer hätte uns und vielen anderen damals denn überhaupt einen Plattenvertrag gegeben. Viele Bands (da schließe ich W&W mit ein) wären doch aus ihrem lokalen Umfeld gar nicht raus gekommen, wäre RUK nicht gewesen. Das sollte man bei seiner Bewertung nicht unterschlagen. Zudem kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass ich hinterher von anderer Seite wirklich professionell beschissen worden bin.
Das RUK ausgeflippt ist - naja, da ist er nicht der Erste und Einzige aus dieser Szene. Seit geraumer Zeit wird die "Krautrockzeit" (ein Begriff, den es damals nicht gab und der posthum vergeben wurde) in diversen Fernsehsendungen und in Büchern aufgearbeitet - dabei wird die Rolle von RUK oft unterschlagen. Es kommen nun erste Bewertungen seiner Tätigkeiten - ob als Publizist oder als Produzent - auf den Markt: und vielleicht auch irgendwann eine ehrliche Würdigung des "Menschen Kaiser"? 

Diesen "seinen" Weg wollten (und konnten) wir nicht mitgehen – wir beendeten diese unsere „Reise in eine andere Wirklichkeit“ und traten den Rückweg an: 
Bernhard nach Berlin und ich zurück nach Essen.

Wilde Jahre waren das. Ich habe sie Gott sei Dank nicht nur unbeschadet überstanden (im Gegensatz zu manchem Anderen, der diesen Sprung zwischen mehreren Welten nicht verarbeiten konnten), sondern habe existenzielle Erfahrungen gemacht und gesammelt und verinnerlicht, die ich nicht missen möchte und wohl auch nie vergessen werde.

In dieser Sturm- und Drangzeit hatte ich nur meinen eigenen Rucksack zu tragen, war nur mir selbst Rechenschaft schuldig: ich machte, was ich wollte. 
Mein Umfeld änderte sich: Frau, Familie, Kind - und damit verbunden wirtschaftliche Zwänge - der Beruf kam dazu, die (alltägliche) Müh(l)e. Die Musik, egal ob mit der Walter h.c. Meier Pumpe (über 30 Jahre), mit den Masters of Ukulele, das Jugbandprojekt oder auch als "One Man Skiffle Band": sie bleibt.  
Heute sage ich: "Habe einen Sohn gezeugt, ein Haus gebaut, einen Baum gepflanzt: nun kann ich mich zur Ruhe setzen". Also bin ich "Rentner" geworden. Im Klartext: ich bin endlich wieder Herr meiner Zeit, ein "freies" Leben ohne Abhängigkeiten fängt jetzt so richtig an: Familie, Freunde, Musik, Computer, Haus, Garten, Hunde, Katzen, Fotografie, Sport, Kino... 
"Hab´ nun weniger Zeit als früher"!  Und bin immer noch ICH: hab mich nie verbogen, hab mich nicht verbiegen lassen. Manche Ziele habe ich im Laufe der Zeit neu gesteckt, erweitert, andere suche ich immer noch... Hab´ keine Kumpel  beschissen, niemanden über den Tisch gezogen, keinen gemobbt, bin nie jemandem in den Rücken gefallen: Und kann daher auch heute immer noch in den Spiegel gucken, ohne kotzen zu müssen...

nd dann holt mich die W&W-Zeit doch wieder ein. 1981 meldet sich ein Bernhard Mikulski telefonisch und bittet um einen Termin, da er etwas mit mir zu besprechen hat. Er taucht mit seiner Frau Christa in seinem amerikanischen Schlitten bei mir auf und erklärt, dass er die W&W-Lp´s neu auflegen will. Er hatte seinerzeit einen kleinen Plattenvertrieb und hatte seinen Aussendienstmitarbeitern aufgetragen, gezielt nach Musik zu fragen, die in den Plattenläden nicht mehr zu bekommen war. So kam er zu den Ohr-u. Pilz-Produktionen - und so eben auch zu W&W. Rechtliche Fragen bräuchten mich nicht zu interessieren – das würde er alles regeln und evtl. Forderungen der Altherausgeber (die eben seit Jahren eine immer noch bestehende Nachfrage nicht befriedigen wollten) selbst übernehmen. Eine Zusage von Bernhard Witthüser hat er schon – und meine bekommt er natürlich auch. Und so erscheinen unsere Lieder – fast im Original-Look - wieder in den Läden und werden dankend gekauft, während im Hintergrund ein langer Rechtsstreit tobt, der mich aber nicht weiter tangiert. In den nächsten Jahren verkauft er mal eben über 100.000 W&W-Lps - wer hätte sich das damals bei der Erstauflage ausmalen können... Bernhard Mikulski, seiner Frau und ihrer Fa. ZYX-Records ist es also zu verdanken, dass es noch eine ganze lange Zeit die W&W–Musik –  mittlerweile auf CD – gab: dafür an dieser Stelle (an B. posthum) ein großes Dankeschön.

m Februar 2003 - quasi als Geburtstagsgeschenk - bringt uns der 60. Geburtstag unseres gemeinsamen Freundes „Mr. Ruhrgebiet" Frank Baier, der am selben Tag wie ich Geburtstag hat, zu unserer beider Überraschung wieder zusammen. In Duisburg auf Franks großer Geburtstagsfeier treffen wir uns nach fast 13 Jahren wieder - und ich hab ihn fast nicht wieder erkannt - so gut sieht er aus. Aber So ist das ja immer bei Totgesagten (was auf einem Gerücht beruht, das wiederum auf eine Verwechselung zurückzuführen ist: gestorben ist Bernhard Mikulski und nicht Bernhard Witthüser aus I.). Das mit Bernhard M. tut uns beiden leid, das mit Bernhard W. tut gut.

Und - wer hätte das je für möglich gehalten - machen wir nach über 30 Jahren wieder zusammen Musik: zwar keine W&W-Titel, aber einige alte Skiffle-Songs geben wir mit Ukulelen und Mandoline zum Besten. Wir haben viel Spaß, das Publikum erst recht, und wir schwelgen in Erinnerungen und stellen übereinstimmend fest: HURRA, wir leben noch...

... bis zum 07. August 2017: da erreicht mich die Nachricht, das Bernd am 04.08.17 in Italien im Alter von 73 Jahren gestorben ist. SCHEISSE.
Am Donnerstag den 26.09.17 fand in der Apostelkirche zu Essen "in memoriam Bernd Witthüser" statt. Alte Weggefährten, FreundInnen und  Musikerkollegen erinnerten mit Beiträgen, Fotos und in Gesprächen an einen der Ihren, der schon mal vorgegangen ist.     

 rgendwie hört es überhaupt nicht mehr auf, denn neben alten Freunden von damals tauchen 2004 (wie im TEHOMA-Kapitel beschrieben) alte Filmaufnahmen aus der Versenkung, bekomme ich Videos mit alten W&W-Aufnahmen, melden sich bei Andeutung einer W&W-DVD Freunde dieser unserer Musik aus ganz Europa - und nicht nur alte nostalgische Säcke, die in der Vergangenheit leben.

 Die "Krautrock"-Ära (!?)" wird auch in Deutschland endlich aufgearbeitet - und auch die beteiligten Musiker und Gruppen dieser Zeit finden Beachtung: in Büchern (Liederbuch Ruhr, Menschen und Projekte in Essen, Zappa Zoff und Zwischentöne, Aufgewachsen in Essen, Folk und Liedermacher an Rhein und Ruhr, der Klang der Revolte...), in Sondereditionen (z.B. beim German Rock e.V.) in div. Radiosendungen und im dtsch. Fernsehen (Kraut & Rüben, Roboter essen kein Sauerkraut, Kopfüber in die 60er, Schwarzes Gold - Musik im Ruhrgebiet...), auf diversen Samplern - und auch im Rocknpopmuseum in Gronau wird man fündig...

Fast 50 Jahre sind vergangen - und immer noch kommen Fernsehteams (selbst aus den USA) und Redakteure und fragen nach Stories, Fakten, Begebenheiten und persönlichen Eindrücken - ja sogar ein historischer Live-Mitschnitt aus 1971 von der Generalprobe des Jesuspilzes wird neu herausgebracht:

dann war es also wohl doch nicht ganz so uninteressant, was wir damals "gelebt" haben.

Das würde auch meine Eltern freuen .. 

Walter 'Westrupp

Essen 23.03.2002, letztmalig geändert 08.05.2018

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