Hinter den weissen Bergen
nah bei der kleinen Stadt
da steht das Haus
wo Bauer Plath sich niederlassen hat..
(aus CD Bauer Plath)
n
der Ruhe liegt die Kraft, sagt man landläufig- und da sind wir ja jetzt
tatsächlich life dabei - und hören mit anderen Ohren nun andere Musik: (sta[d]tt
Sex & Drugs & Rock´n Roll à la Stones, Burdon, Steward,
Bowie etc. haben wir jetzt Incredible String Band, Fairport, Grateful
Death, Crosby & Co. oder Walter (Wendy) Carlos im Ohr, lesen nicht
mehr Magazine, Tageszeitungen und Jerry Rubins „DO IT“ (amerikanische
Variante von "Macht kaputt, was euch kaputt macht"), sondern Tolkien, Castaneda, Indische Märchen, Hesse,
Gelpke und Michael
Ende, trinken immer mehr Tee satt Kaffee und rauchen mehr Gras als Tabak
(denn - wie sagte schon Paracelsus: jedes Gift [?Droge]), richtig dosiert,
ist Medizin), und die brauchen wir, um im Kopf wieder frei zu
werden.
Welcher
Wechsel doch im Leben - tiefe Stille dort und Leid,
hier - bei arbeitsamen Streben:
Jugendglück und Fröhlichkeit (quasi die Bestätigung unseres Liedes aus
Nonnen, Tote und Vampire).
Wir haben uns aklimatisiert
und werden als „die beiden Exoten aus dem Kohlenpott“ aufgenommen in die
Dorfgemeinschaft – nicht direkt offiziell, aber sie finden den
Presserummel um uns und das Dorf schon sehr interessant. Sie sind sogar
bereit, mit dem Diller Männerchor und uns zusammen bei Plattenaufnahmen
mitzumachen – das sagt ja wohl alles!
Das
aktuelle Tagesgeschehen entfernt sich mehr und mehr von uns oder wir von
ihm – in unserem
Leben zählen fortan andere Wertigkeiten: Was machen die Spinnen am Klo,
wie geht es dem wilden (ehemaligen Hof-) Kater Peter, wie stehen die Rüben,
kriegen wir die Ernte trocken rein, wann kalbt die Olga... Wir helfen, wann
und wo wir können, auf dem Hof, und es macht Spaß (aber wir müssen ja auch
nicht jeden Tag ran). Wenn wir z.B. nachts um 4 Uhr – rausgeklingelt von
unserem Bauern - beim Nachbarn bei einer schweren Kalbsgeburt mit anpacken
und alle Beteiligten nach erfolgreicher Arbeit einen Schnaps trinken, während
das neugeborene Kälbchen im Stroh liegt, dann gibt einem das schon etwas
mehr als eine durchgesoffenen Nacht in der „Golden Stadt“ beim Prebec
in Essen. Wir sind näher dran am Leben, beim Säen und Ernten, beim Gebären
und Sterben.

Oft
sind wir nun bei unserem Bauern zu Gast – eingeladen zum ausgiebig-üppigen
Abendessen und anschließender Tresterbrand-Vernichtung - oder er kommt
zu uns und besucht uns auf ein Gläschen/Fläschchen Wein.... Wir treffen die Bäuerin im Stall beim Misten und
schnacken – oder ihre Schwester beim Einkauf in dem kleinen Lädchen im
Dorf-Zentrum, wo die Dorf- und Weltpolitik diskutiert wird. Wir nehmen
teil an Dorf-, Schützen- und Feuerwehrfesten, wo auch ein zünftiger Frühschoppen
niemanden davon abhält, mit seinem Fahrzeug noch weitere Ziele anzufahren
– es gibt nur einen
Dorfpolizisten weit und breit, und der feiert immer mit. Trotzdem
– für alle Fälle - werden wir eingewiesen: sollte unterwegs mal was
passieren: raus und weg und ab in den Wald und 2 Tage warten. Dann
wieder auftauchen, einen total verwirrt/verwilderten Eindruck machen und
sprachlos von garnix mehr wissen! Zum Glück kommen wir nie in
eine solche Situation...
Etwas
außerhalb des Ortes finden wir ein wunderschönes abgelegenes Plätzchen – nur für
uns allein - auf einem Felsen über einem Tal (unsere Loreley), wo wir
stundenlang sitzen, den Wald- und Bachgeräuschen hingegeben, Rehe und Füchse
beobachtend, dem Falken folgend, in den Dunst hinein träumend: wir suchen
den Schlüssel, die blaue Blume, uns. Nicht nur zuschauen, sondern eins
werden mit der Natur - die Seele fliegen lassen. Nicht Besucher, sondern
Teil des Ganzen. In den Bergen der Schweiz - oberhalb der Baumgrenzen in
den Steinhütten der Berglütlis - da waren wir schon nahe dran, jetzt
aber sind wir mittendrin. Hier Tolkien lesen ist doppelter
Genuss. Hier hat der Schäfer seine Hütte, hier steht die alte Mühle,
hier ist die wilde Müllkippe (aber schön versteckt), und hier entsteht
die Idee zu einer Märchenplatte – wo sonst kann man so etwas planen und
realisieren. Endlich wieder (Ausnahme war das 1. Programm von Nonnen,
Toten und Vampiren) entstehen Texte
ohne Zeitdruck, sind fruchtbare zeitlose Gespräche – mit den Freunden,
die uns besuchen, aber auch mit unserem Bauern –
an der Tagesordnung. Nichts stört uns in unserer Konzentration - und die
Freunde, die uns besuchen in unserer Idylle,
turnen uns an – erzählten von ihren Reisen und ihren
Erlebnissen, bringen neue Geschichten mit - geben uns Anstöße. Wir geben
und nehmen, werden befruchtet: die Saat geht in uns auf - und wir in ihr.
ür
die Vorbereitung unseres neuen Programms brauchen wir nicht mehr in
irgendeine Musik-Akademie mit Jugendherbergscharakter zu fliehen – wir können
immer und jederzeit in unserem Haus die Verstärker aufdrehen, können
schreien und singen, mixen und probieren (wenn wir es denn wollen): nur die Kühe hören zu –
gut, manchmal ist die Milch dann sauer - nicht mehr, nicht weniger! 
Die Musik wird märchenhafter - naturverbunden und wieder akustischer.
Das wir dieses Programm „unserem“ Bauern widmen, ist klar, und auch
ein Musikstück auf der gleichnamigen CD widmen wir ihm: hinter den weißen
Bergen (Hunsrück), nah bei der kleinen Stadt (Simmern), das steht das
Haus, wo Bauer Plath sich niedergelassen hat....
Andere
Texte erzählen von unserer Suche nach der „blauen Blume“, nach dem
„Schlüssel“, der diese andere, diese „neue Wirklichkeit“ öffnet,
die wir – ausgelöst durch diesen unseren Aus- und Umzug – nun erschlossen
haben, die für uns zugänglich geworden ist, die wir vor uns sehen - in uns spüren. Der „Rat der Motten“ ist die Geschichte dieser
"Suche". Die Motten suchen das Licht, sie sehen es, sie stürzen
sich hinein - sie verglühen in der
Kerzenflamme. Sie haben das Geheimnis gelüftet: aber zu welchem Preis! Glühen
wollten wir auch, aber verglühen nicht. Davon erzählen und singen müssen
wir – das ist klar. Aber auch nicht verschweigen, das diese „Idylle“
mit Fallen ausgelegt ist. Wir weisen auf die Gefahr hin, sich blenden zu
lassen und den Boden unter den Füssen zu verlieren - auszuflippen. Eine
solche "Warnung" finden wir auch in einem alten indischen
Märchen und komponieren die "Schlüsselblume", die
Geschichte einen Mannes, der den Schlüssel findet, mit dem er das Tor öffnet
und sich dann selbst verliert - und damit auch wieder den Schlüssel - und
hinterher "innerlich leer" vor einem verschlossen Mysterium
steht und den Weg zurück nicht mehr findet. Wir wollen uns auf dem
Throne stehen sehen – aber lebendig: „ich war und ich bin“. Wer -
wie wir - sich selbst gesucht hat, wird wissen, wovon wir da singen und
was wir mit unseren Texten - auch als Lebenshilfe - weitergeben wollen.
Für die einen wird es schöne Musik mit schönen Texten sein, für
die anderen "wissenden" eine Botschaft.
er
Bogen, den wir auf dieser CD schlagen, beginnt bei Novalis ("wenn
nicht Zahlen und Figuren sind die Schlüssel aller Kreaturen... wenn alle,
die gern singen oder küssen mehr als die Tiefgelehrten wissen... "),
geht über die Hymne an unseren Bauern und Freund Werner Plath und endet
in einem musikalisch monströsen 10-Minuten-Märchen. Dieses zentrale
Werk, quasi unser „Vermächtnis“, das wir in dieser knorrigen Schönheit
unseres Hunsrück- Dörfchens erschaffen, ist die "Geschichte vom Königssohn".
Hier verarbeiten wir Frodos Erlebnisse aus Tolkiens Herr der Ringe -
unserer damaligen Bibel. Und der Schluss dieses Märchens mit seiner fast
eschersch zu nennenden Unendlichkeitsformel, die sich selbst auflöst und wieder von
vorne anfängt, ist eigentlich schon Hinweis auf ein bevorstehendes Ende
von W&W.
Im
Juni 1972 gehen wir ins Studio Dierks und beginnen die Aufnahmen. Mit
dabei sind die „Wallensteiner“ Jürgen Dollase und Jerry Berkers, am
Schlagzeug sitzen abwechselnd Harald Großkopf und Tommy Engel (später Bläck
Föös) und im Aufnahmeraum das bekannt Trio Kaiser/Diers/Lettmann. Wir
basteln an den Sounds (wann gab es jemals mit Geigenbogen gestrichene
Gitarren oder einen akustischen Wassersoog wie bei dem Königssohn-Märchen,
Psalter- und Harmoniumklänge oder so einen sensationellen Wumm wie bei
„Bauer Plath“, wo 10 Musiker mit ihren Füßen auf eine Holzbühne
stampfen. Wieder baut Dieter Dierks mit seinen „goldenen Fingern“
einen wunderbaren Sound aus den 40 bis 50 einzelnen Tonspuren und mixt aus
allem eine von vorn bis hinten gelungene
Lp. Wo wir nun gerade da sind, machen wir auch gleich noch eine Single,
bei der Bill Baron, der Gitarrist von Wallenstein, beim „Lied der
Liebe“ einen Gitarrensound einspielt, bei dem ihm selbst die Ohren vom
Kopfe fallen (er verlässt die gekachelten Kabine, in der sein
Gitarren-Verstärker voll aufgedreht steht - und spielt sein Solo draußen):
und selbst dort ist es noch tierisch
laut – aber auf der Single klingt´s und geht ab – und wie:
aber Hallöchen, das kann man nicht beschreiben, das muss man hören...

Für´s
Plattencover nehmen wir vorne natürlich ein Foto von Bauer Plath,
zusammen mit uns und Ferkel Eduard. Auf die Rückseite kommt eine märchenhafte
Malerei von mir, die ich in den langen Tagen der anfänglichen Ruhe
geschaffen habe – mit Engelsgeduld habe ich wochenlang winzig kleine
Kästchen mit Filzschreiber ausgemalt und W&W in eine Märchenwelt
voller Kräuter, Pilzen und Tiere versetzt.

So kommt die LP auf den Markt und wird ein voller
Erfolg - und damit geht auch der ganze Stress wieder los mit Terminen und Konzerten...die
Ruhe für uns ist vorbei.
ei
unseren Live-Auftritten können wir den Sound der Platte nicht wiederholen
– wollen es auch gar nicht. Bei Konzerten spielen wir nahezu „unplugged“,
ganz selten wird ein Instrument direkt verstärkt. Und da die Nachfrage
nach unserem Sound und den Songs stetig steigt (welche Gruppe setzt auf
der Bühne [mit 2 Musikern] über 30 teilweise obskure Instrumente ein),
kommt uns Dieter Dierks 1973 bei 2 Auftritten (Koblenz und Freiburg) mit
seinem mobilen Aufnahmestudio hinterhergefahren und mischt daraus das „Live-Album
68-73“
zusammen, einen Querschnitt durch das gesamte
musikalische Schaffen von W&W.
Als
wir am Ende der Tournee, die mehrere Wochen andauert und uns durch ganz
Deutschland führt, nach Dill in unser Häuschen zurückkehren, sind wir leer,
wir sind
ausgebrannt. Allein der Gedanke, sich jetzt hinzusetzen und ein neues
Programm aus dem Boden zu stampfen, wirkt lähmend auf uns – heute würde
man sagen: wir sind mental blockiert. Wir sitzen lange Nächte zusammen,
hören Musik, schweigen uns an und versuchen herauszuzögern und nicht zu
artikulieren, was uns beiden klar ist: ehe wir uns kaputt spielen – ehe
wir unseren Spaß an der
Musik verlieren, weil andere uns permanent unter Druck setzen –
müssen wir aufhören: einen endgültigen Schlussstrich ziehen.
Wir sprechen mit unserem Bauern, informieren Produzenten
und Plattenfirma – und verlassen bei Nacht und Nebel die Idylle. Als die
Live-Do-Lp herauskommt, gibt es W&W schon nicht mehr.
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