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971 - Es ist Trips & Träume-Zeit und wir
sind fast nur noch auf Achse quer durch Deutschland bis hin ins
entfernteste Ausland (Österreich, Luxemburg, Holland), denn unsere Titel
tauchen jetzt – über Geschmack lässt sich eben nicht streiten - in
diversen Hitparaden auf (z.B. Radio Veronika, Radio Luxemburg – um hier
nur einige zu nennen). Wir sind mehr unterwegs im Auto als in unseren
Betten. Aber übermüdet am Steuer ist verdammt gefährlich, und so halten
wir uns mittels Captagon und AN1 wach, wenn wir mit unserem Mercedes Benz
190 D auf Tour sind: Boxen auf dem Dach, flatternde Plane im Fahrtwind,
Instrumente im Kofferraum und dicke Zing (Trommel) hinter dem Fahrersitz
und Karlchen unterm Fahrersitz. So kann zumindest der Beifahrer seinen Sitz
nach hinten klappen und zwischendurch versuchen, mal eine Mütze
erfrischenden Schlafes mitzukriegen.
ir sind immer knapp mit und in der Zeit, weil
zum Einen unser Management (also wir selbst) nicht in der Lage sind, die
Auftritte nach Gebieten zu koordinieren (es kommt vor, dass wir Berlin-Göttingen
und zurück 3x in einer Woche zu bewältigen haben) und zum Anderen wg.
der starrköpfigen Veranstalter, die Termine einfach nicht nach unseren
Vorgaben legen wollen, und dazu dann noch die unkalkulierbaren und nicht
vorherzusehenden Natur-Ereignisse wie Staus, Pannen, Spritmangel (zum Glück
gibt es immer wieder irgendwo abgestellt Laster, die man an- bzw. abzapfen
kann). Teilweise liegen Veranstaltungsorte aber auch so versteckt
(Stadthallen nicht in der Stadtmitte, Kellerlokale in Erdgeschossen,
Radiostationen in Grünanlagen) oder an Straßen, die es in unseren Karten
gar nicht gibt, so dass wir es manchmal erst zum Schlussakkord schaffen,
auf der Bühne zu stehen. Aber es macht unheimlich Spaß – und wir
halten uns über Wasser.
ür Grenzübertritte kalkulieren wir jetzt
erfahrungsgemäß jeweils ½ Tag ein. Da findet eine immer wiederkehrende
Zeremonie statt, auf die Zöllner in jahrelangen Lehrgängen sorgfältig
vorbereitet worden sein müssen: ausgewählte Spezialbeamte – teilweise
mit Hunderudeln - übertreffen sich gegenseitig bei der Suche nach Drogen
und/oder Waffen: Türfüllungen wurden ausgebaut, Lüftungsschläuche
abmontiert, Sitze rausgenommen, Reserverad und Radabdeckungen systematisch
untersucht, Rahmen abgeklopft und Luftfilter demontiert,
Instrumenten-Koffer durchsucht, Kleidung gefilzt etc.: als wenn wir an
solchen jedermann zugänglichen Plätzen und direkt ins Auge fallenden
Stellen unseren Shit und die Kalaschnikofs verstecken würden? Die halten
uns echt für noch bescheuerter, als wir aussehen.
ahrten nach oder von Berlin nehmen da – man
sollte es nicht glauben - noch eine um Stufen höhere Sonderstellung ein.
Man stelle sich vor: zwei verwilderte
„Gammler“ in einem echten Mercedes – ein gefundenes Fressen für
jeden VOPO: wir werden bei jeder Durchfahrt schikaniert. Bernhard
muss sich laufend Ersatzpapiere (inkl. Passbild) ausstellen lassen, weil
auf seinem Reisepass sein rechtes (oder war´s das hintere) Ohr nicht ganz
zu sehen oder die Haare länger
als auf dem Foto (die wachsen nun mal) oder der Hals ungewaschen und die
rechte Augenbraue falsch gekämmt ist. Ich komme ob meines äusserst
gepflegten Äußeren meist besser weg (kürzere Haare machen nun mal einen
guten Eindruck), aber an einem besonders guten Tag eines Grenzbeamten war
mein Bart plötzlich zu dick oder zu kurz oder meine Brille nicht richtig
geputzt oder gar eine Andere als auf dem Foto. Generell müssen wir
unseren Wagen leer räumen, die Instrumente zeigen, unsere Aktentaschen
leeren (und wehe, es war was englisch-sprachiges dabei oder eine
Undergroundzeitung mit Sekt & Drops & Helmut Kohl [nein, den gab´s
damals ja noch gar nicht – wir hatten ja unseren FJS]), dann dürfen wir
uns freimachen und bis auf die Unterhosen ausziehen, die Arschfalte zeigen
und den Hoden hochheben und die Vorhaut zurückziehen).
ei einer Durchreise reißt uns
der Auspuff ab und schleift funkensprühend über den Boden: wir donnern
wir eine Sternschnuppe durch die DDR-Nacht, die noch finsterer ist als als
eine stockdustere BRD-Nacht. Es dauerte auch gar nicht so lange, dann
haben uns die VOPOs ausgemacht: Unbekanntes Flugobjekt landet auf der
Transitstrecke!. Weil Landen dort verboten ist, zahlen wir zunächst mal
400 DMchen West ohne Quittung bar auf die Kralle wg. unbefugter Benutzung
der Rollbahn. Um weiter fahren zu dürfen, binden wir mittels
Abschleppseil und mehrerer Spezialverknotungen (6-facher Windsor mit
anschl. Palsteek) den Auspuff
soweit hoch, dass er nicht mehr schleift - und dürfen weiter fahren.
Jetzt liegt unser Wagen wegen der Anlage und der Instrumente hinten
sowieso ziemlich tief, und die Bodenwellen auf der Transitstrecke sind
auch nicht ohne. Die beiden Vopos wissen das natürlich und begleiteten
uns bis zur Grenze und hätten (wie angedroht) im Wiederholungsfall eines
Funkenschlages a) wieder kassiert b) den Wagen stillgelegt und c) uns
eingelocht wg. wiederholter Gefährdung der rechtschaffenden Bürger und
Bauern des sozialistischen Arbeiterstaates. Wir sind klatschnass
geschwitzt und stinken wie junge Skunks beim ersten Abgang, als wir diese
Fahrt hinter uns haben! Aber es hat uns stärker gemacht.
ei den Ausreisen dürfen wir mit wenigen
Ausnahmen an der Grenze gleich die Garage anfahren: nicht zum Parken (hier
gibt es kein Motel!). Hier wird nach allen Regeln der Kunst und mit großem
Personalaufwand in aller Ruhe nach Republik-Flüchtlingen gesucht. Dafür
muss jedes Mal das Auto zerlegt (Räder ab, Sitze raus, Türfüllungen ab,
Kofferraum leer) sowie Boxen auseinandergenommen, die dicke Zing von den
Fellen befreit, die Instrumentenkoffer entleert werden. In dieser
Beziehung konnten diese tumben Grenzer echt kreativ werden: Ihnen fiel
immer wieder was Neues ein. Wobei wir uns wirklich viele Gedanken darüber
machten, wie groß eigentlich Republikflüchtlinge im allgemeinen und
vielleicht Spezial-Flüchtlinge sein müssen, um in einem Gitarrenkorpus
Platz zu finden?
Liliputaner-Artisten, kleingewachsene Schlangenmenschen, Kinder ohne
Wirbelsäulen, die sich durch die Gitarrenseiten und das Schalloch
quetschen können und es sich in diesem Holzhaus dann gemütlich machen.
Wenn dann kein Flüchtling, kein Shit oder andere subversiven Materialien
gefunden wurden (und wir waren da verdammt vorsichtig – es werden
glücklicherweise
nur Lappalien „entdeckt“) dürfen wir alles wieder zusammenbauen. So
lernen wir Instrumente und Equipment durch und durch kennen, und unsere Fähigkeiten
beim Zusammenbau des Autos hätte für eine Festeinstellung als
Vorarbeiter in der Montagehalle von Mercedes Benz allemal gereicht – zumal durch das
dauernde auseinander- und wiederzusammenschrauben die Gewinde immer gängig
blieben.
eien wir fair – auch in der BRD sind wir
gefragte Objekte. Im Rahmen von Terroristen - Fahndungen passen wir in
jedes Raster. Wenn wir in eine Straßensperre fahren (meist an
Autobahn-Ausfahrten oder im Grenzen-Bereich), dann ist aber alle Achtung
angesagt. Wenn ein Trupp von vermummten schwarzgekleideten Elitekämpfern
mit angelegten MP´s und MG´s das Auto umstellen, dann sind extrem
langsame Bewegungsabläufe angesagt. Ein falscher Griff zum Handschuhfach,
eine hastige Hand-Bewegung in Richtung Hosentasche – nicht auszudenken.
Die sind nervös, und wir klatschnass geschwitzt. Ein falsches Wort, ein
blöder Blick, eine missverständliche Beule in der Hose (und Bernhard
hatte ein schönes Rohr) und die hätten uns plattgemacht – so wirken
die zumindest auf uns und so geben die sich auch jedes mal – die können
zudem auch noch ´ne große Klappe haben - die sind ja immer in der
Mehrheit. Selbst Bernhard mit seinem sonst sehr lockerem Mundwerk ist in
diesen Situationen ein gar ruhiger, freundlicher, ja zuvorkommender und äußerst
verträglicher Zeitgenosse. So dürfen wir uns breitbeinig an´s Auto stützen,
werden gekitzelt und (ohne dass man uns Handschellen anlegt) nach Waffen
durchsucht, nach unserer Dasein-Berechtigung, freundlichst nach dem Sinn
und dem Zweck unserer Autofahrt gefragt, das Auto nach versteckter
Munition, Waffen, Rauschgift und flüchtigen Terroristen durchsucht –
dann dürfen wir tatsächlich weiterfahren und sind jedes mal heilfroh,
wenn unser Wagen beim ersten Startversuch anspringt und wir, hurtig - aber
auch wieder nicht zu schnell – vom Ort der Geschehens wegkommen: Blicke
wie Dolche im Rücken.
nseren an- und aufgestauten
Frust von all diesen miesen und ätzenden Begebenheiten bauen wir bei den
wenigen Demos ab, an denen wir das Vergnügen haben teilnehmen zu dürfen:
fest im Gedächtnis die Anti-FJS-Demo vor dem Saalbau Essen, wo wir mit
Pferdeäpfeln und Farbbeuteln um uns werfen und dann eine schöne
Klopperei mit der Polizei haben – wobei wir mit unseren Pferdeäpfeln
gegen die Gummiknüppel ziemlich chancenlos sind – von wegen Verhältnismäßigkeit
der Mittel? Den Tritt in meinen Unterleib und die Macke an der Oberlippe
habe ich sowieso schon wieder vergessen, auch das mich ein Mädchen vorm
Einlochen gerettet hat (zum Glück trifft man immer wieder Zeitgenossen,
die diese Lücken schliessen können) denn schön war es schon – vor
Allem und auch wegen unseres Gemeinschaftsgefühl, das wir bei Springerhäuser-Blockaden
oder bei Ho-Chi-Ming-Provokationen, die wir vom KZ Essen
(Kommunikations-Zentrum) aus über Essens Hauptstraße unternahmen, um
brave Bürger zu erschrecken, weiter festigen und vertiefen und
auffrischen können..
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