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Auf der Suche nach einem neuen Weg klopfen wir an die Himmelstüre
Ein Mann namens Petrus öffnet ganz sacht und er fragt:
"Seid ihr es, die da kommen sollen, uns den Shit zu bringen?"

Wir streichen aus alle, die wir kennen - uns eingeschlossen -
und  wir treten ein in den ewigen Frühling
wir sehen die himmlischen Heerscharen mit den ewigen Joints auf ihren Wolken sitzen und ihr Gesang steigt unaufhaltsam in den Händen der Sonne

Witthüser & Westrupp - "Orienta" von der LP "Trips & Träume
(hier anbei das Original-Script
Das ORIGINAL )



anuar 71 fangen wir mit den Proben zum 2. Programm Trips & Träume“ an.
Nicht von ungefähr haben wir diesen Titel gewählt, denn wir suchen und versuchen zu dieser Zeit
unseren Hotizont zu erweitern - zunächst mit Meditation. Aber das dauert und bringt uns nicht wirklich weiter, doch mit den uns mittlerweile zugänglichen und in ausreichendem Maße zur Verfügung stehenden Halluzinogenen (Haschich, Mariuhana und LSD - keine harten Drogen) gelingt es, uns in und mit der Musik weiter zu entwickeln, in Experimenten an unsere Grenzen zu stoßen. Veränderte Bewusstseinszustände, emotionale Sinneswahrnehmungen, tiefe musikalisch Erfahrungen und gemeinsame Erlebnisse auf unseren Trips füllen uns aus und lassen gar keinen Platz für ein anders Thema.

Als 3. Mann holen wir Bernd „Curny“ Roland (Ex-No-Bassist, Weg- und Kampfgefährte aus jungen Tagen) als Bassisten mit ins Boot und damit kommt erstmals Elektronik inW&W mit Bernd "Curny" Roland bei einer heiligen Handlung die Gruppe. Damit wir neben ihm bestehen können, setzen auch wir - neben unseren nach wie vor genutzten Akustik-Instrumenten - Verstärker und Elektro-Gitarren ein. Die Musik wird dadurch sphärisch-schwebend (passend zum Zustand), die Texte abgehoben und doppelsinnig, eben auch passend zum Titel und Programm oder auch umgekehrt. Wir üben nach wie vor im JZ Essen, wo wir merken, dass uns noch 1 bis 2 Stücke fehlen. Musiken hat Bernhard genug, aber keine Texte. Da fällt mir das "Reimbuch" von Willy Steputat in die Hand (ein unverzichtbares Werk für einen Texter), und unter der Endung "AN" werde ich fündig. Ruck zuck entsteht der Text zu "Trippo Nova" - so einfach kann das Liederschreiben sein mit Hilfe der "Reimdichodericherschlagdich"-Technik:

"W
ir sitzen im Aeroplan
und suchen nach Klein-Kurdistan
um zu sehen Vetter Florian...
"
(noch so ein Original-Script von damals
Das ORIGINAL )

Nachdem wir für die avantgardistische WDR-Fernsehreihe OKIDOKI unseren Flipper-Hit eingespielt haben - angekündigt als "progressives 2 Mann-Orchester aus dem Ruhrpott" - erfolgt unser erster öffentlicher Auftritt mit dem neuen Programm im März 71 aus Platzgründen in der ausverkauften Aula des Burggymnasiums in Essen vor einem begeisterten Publikum – wir sind avanciert zu echten Lokalgrößen. Aufgenommen wird dieses Konzert von einem WDR-Fernsehteam für ein Band-Portrait. 

Danach werden Schwachstellen ausgemerzt – und dann geht´s  wieder auf Tour. Diesmal ist der Süden Deutschlands unser Ziel (bisher eher W&W-Diaspora) und nach erfolgreichen Konzerten gehen wir am Ende des Monat nach Stommel ins Studio Dierks, wo die Aufnahmen für die 2.Lp in Angriff genommen werden. Hier ist nun professionelleres Arbeiten angesagt als bei den Aufnahmen zur ersten LP in Hamburg: wir spielen Instrument für Instrument einzeln ein – eine für uns neue und zunächst hemmende Art der Arbeit. Doch nach einer Eingewöhnungsphase werden wir locker, die Atmosphäre im Studio stimmt, und die Arbeit macht allen Beteiligten mehr und mehr Spaß.
 
Renee Zucker - hier ein aktuelles Bild Renee Zucker
, Essener Urgestein, die zu Besuch ins Studio kommt, wird gleich bei 2 Stücken mit eingesetzt (sie erzählte die Geschichte von Karlchen* und seinem Erlebnis mit den wilden Riesenhunden und war mit ihrer irrsinnigen Klaviertechnik maßgeblich an der Entstehung des englischen Walzers beteiligt), auch Dieter Dierks und Gille Lettmann werden aktiv eingesetzt. Wir können ganz in Ruhe – wieder ganz ohne Termin-Stress und Zeitdruck oder irgendwelche Blicke auf immer höher werdende Studiokosten– Dinge ausprobieren (die Doppelflöten bei Orienta, den kaputten Walzer, den Posaunenchor etc.) Gemeinsam wird abgehört, verworfen, diskutiert, gelacht, geraucht: es ist eine total relaxte Stimmung, was man der Produktion auch anmerkt – das gesamte feeling ist stimmig. - und auch das Plattencover passt perfekt:


 
Fans und Zeitungsleute besuchen uns und erleben Gleiches
.  Endlich haben die Kiffer in Deutschland auch mal „eigene“ Songs in der Landessprache, die sie sich reinziehen können. Die Promotion-Maschinerie von Kaiser läuft auf Hochtouren, und die Pressefotos von uns und auch das Single-Cover werden tatsächlich überall abgedruckt: nackend mit Karlchen, mit dickem Joint und/oder mit Wasserpfeife und den dicken OHR-Ballon zwischen den Beinen... "Wir fuhren mit dem Leiterwagen um die halbe Welt, wir machten Abstecher nach oben und fanden, dass bekiffte Engel sehr dufte Harfe spielen..." - oh Mann, das das waren noch Zeiten!

Hey, das ist ein Granate - oder?Unser Song  Nimm einen Joint, mein Freund“, der wie viele andere Songs dieser Platte auf sämtlichen Indexen steht, wird von den Freaks dankbar aufgenommen und heimliche Hymne der Subkultur. Nicht auf dem Index steht das Einganglied dieser Produktion "Lass uns auf die Reise geh´n" mit diesem schönen Text von Thomas Rother. Dabei erreicht dieses Lied im Zusammenhang mit den weiteren Songs der Lp eine völlig andere Dimension, als der Autor wohl ursprünglich gemeint hat und die von den Indexierern gar nicht wahrgenommen wird. Es kommen zwar manche nicht grade wohlwollende Rezensionen in unsere Hände ("Ritt auf der Haschwelle" formuliert z.B. Jürgen Hainke" von der NRZ Essen - er war einer unserer nettesten Kritiker),  Andere nennen es "Musik, die im Kopf entsteht" oder "aus der verpopten Gartenlaube ausgezogen - ihr Standort ist nun die heitere Idylle..." . Uns ist das alles recht, denn allein 1 Index-Vermerk spricht sich in Fachkreisen rasend schnell rum - und kurbelt so der Verkauf der Lp an: das Ding läuft supergut. (Wer diesen Song noch immer nicht  kennen sollte: klick auf die Noten: da ist er Auschnitt aus "Orienta")

elchen Erfolg wir als „Nicht-Schnulzen-Fuzzis“ haben, bezeugt dann eine von der Fachzeitschrift „Schallplatte“ durchgeführte Befragung bei 70 Fachjournalisten zum Deutschen Musikpoll 1971 für deutschsprachige Gesang-Duos: wir landen auf dem 3. Platz (8,6%) nur ganz knapp hinter Adam & Eve. Endlich im "Establishment", denn 70 Fachjournalisten aus Presse, Funk und Fernsehen können sich nicht irren. Den gleichen Platz wie wir nehmen dabei Ike & Tina Turner bei den internationalen Duos ein, und wir liegen sogar einen Platz vor Paul & Linda McCartney (3,2%) !
Und die erste Piratenplatte von uns ist auch auf dem Schwarzmarkt: bei einem Konzert in Münster haben Freaks einen Live-Mitschnitt gemacht und diesen auf Cassette gezogen. Die "Täter" haben es sogar ganz gut gemacht: sie haben die Atmosphäre sehr gut eingefangen - was immer das nun heissen mag...  


Eine Zeichnung von Walter aus der Zeit, als 

• die Haare noch dunkel

• die Augen noch glänzend 

• die selbst gedrehte "schwarze Krause" noch schmeckte

• die Mädchen noch Backfische hießen und so jung

• die Brötchen noch 6 Pfg. kosteten

die Welt noch in Ordnung war. 

Zeichnung Walter

nsere Titel tauchen in den Hitparaden auf: zunächst in den St. Pauli- Nachrichten (!), wo neben Sex-Reportern und nackten Mädels auch ein1. Plazierung in den St. Pauli-Nachrichten: 10. Platz Musik-Journalist sein Unwesen trieb, der uns in sein Herz geschlossen hat: er puscht uns wie keinen Anderen: „Schöne anspruchsvolle Musik“.... „Nimm einen Joint und Lass uns auf die Reise geh´n sind echte Hits, und Ohr sollte deutlich mehr für W & W tun!“. Wir nehmen hier im Laufe der nächsten 2 Jahre fortwährende Spitzenpositionen ein und belegen mit "Nimm einen Joint" über 20 Wochen Platz 1 ein. 
„Lass uns auf die Reise geh´n“ kommt  in der SWF 3-Hitparade, wo wir mit Frank Laufenberg einen weiteren Fan sitzen haben, auf einen Vorderplatz. Mit Frank, der auch später noch uns und unsere Musik mit dem Jesuspilz fördert, und mit Manfred Sexauer , der uns in seine Nachtsendungen einlädt, haben wir zwei Verbündete im Süden sitzen, die uns auf unserem weiteren Weg wohlwollend begleiten.

Neben diesen Zeitungs- und Rundfunk - Erscheinungen geht unser Knochenjob natürlich weiter: der Konzerttermine werden immer mehr. Und dazu dann immer häufiger Presse-Termine mit: dem Stern, mit Zeitungen und Fachzeitschriften, Platten-Promotion-Radio-Touren durch die deutschen Sender, Besprechungstermine mit Produzent und Plattenfirma. Bei einem Süddeutschen Sender spielen wir "Nimm einen Joint mein Freund und rauchen dabei einen überirdisch riesigen Joint, pusten den Rauch durch die dicke Zing - sowas wäre heute gar nicht mehr möglich. In Anzeigen für die Platte sieht man uns mit großen Joints oder Wasserpfeife rauchend - es war ein riesen Happening... Rolf-Ulrich Kaiser dreht so richtig am großen Rad. Zum Einen kennt er Gott und die Welt bei den Zeitungen, beim Radio und Fernsehen - und die kennen ihn auch. Und wer ihn nicht kennt, der lernte ihn aber richtig kennen. Er weiß, wie dort gearbeitet wird, und entsprechend lanciert er seine Werbung für uns. Zum Anderen ist er ein Arbeitstier: er ist nur noch für seine (und damit auch für unsere) Sachen unterwegs - und erwartet das Gleiche von uns...
Er bombardiert alles und jeden mit Werbung - und fällt mal eine Plattenkritik oder ein Konzertbericht nicht so gut aus: "Hauptsache, es wird über Euch berichtet." Dieser Hans Dampf kennt keine Pausen - und uns gönnt er auch kaum noch eine: "Ihr seid im Geschäft - also muss eine neue Platte her. OH NEE...

Erfolg hat seinen Preis – unsere freie Zeit wird knapper!

* Zu Karlchen: er war uns zugelaufen, er fand es bei uns ganz toll und lebte als vollwertiges Mitglied in unserer Kommune, ging mit ins Podium und auf unsere Konzerttouren. Er verursachte fast einen Totalcrash, als er auf einer Autobahnfahrt anfing, sich mit meinem Hosenbein zu streiten und ich beim Schlichtungsversuch den Lenker verriss und in die Leitplanke krachte - knapp an einem Brückenpfosten vorbei. Er schlief mit im Auto, er lag bei den Konzerten in Bernhards Gitarrenkoffer auf der Bühne und bewachte unser Equipment.
Wann er zu uns kam, weiß ich nicht mehr, aber bei einem Konzert im Bunker Ulmenwall in Bielefeld am 03.04.1970 verließ er uns - diesen kleinen schwarzen Kerl werde ich nie vergessen...


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 © 2002 by Walter Westrupp - letzte Aktualisierung 31.07.2018