1968 nach Noten - Witthüser und Westrupp -  Essener Songtage und mehr 

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Leben in der Stadt Essen rund um 1968

Kapitel 1

Ihr wisst doch: wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft,
so geht er auf und bringt Frucht zu seiner Zeit.
So auch der Brösel.
Wenn ihr ihn nehmt, so geht er auf
und wird größer als alle Dinge unter dem Himmel:
und er lässt aufgehen das klare Licht..

Viele haben begehrt zu sehen, was ihr seht - und haben es nicht gesehen
und viele haben begehrt zu hören, was ihr hört - und haben es nicht gehört...

...und deshalb; hütet den Brösel und ziehet hin
ziehet hin in Liebe
und der Brösel sei mit Euch

Teil II aus "Versammlung" von der Witthüser & Westrupp-LP "Der Jesuspilz"

 

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WERDEGANG BIS DATO

in paar erklärende Worte will ich vorausschicken, um die Anforderungen an einen Jugendlichen Jahrgang 46 im Nachkriegsdeutschland zu verdeutlichen, der plötzlich in den 68ern landet: Ich erlebte eine sorgenfreie wohlbehütete Kindheit als "Nesthäkchen" (sprich "nicht eingeplanter Nachkömmling") in einem christlichen Elternhaus zusammen mit zwei älteren Geschwistern. Meine Eltern sind im Krieg ausgebombt worden, wurden evakuiert (dort in der Diaspora bin ich dann geboren) und fingen nach ihrer Rückkehr in Essen wieder bei 0 an -  und somit mussten auch wir "Blagen" uns gehörig "nach der Decke strecken". Es gab so gut wie nichts an Luxus - wir freuten uns riesig über eine Taschenlampe zum Geburtstag oder warme Socken zu Weihnachten. Ich war in der evangelischen Jungschar, lernte dort das Gitarrespiel und konnte meine Ferien in deren Camps verbringen (Urlaubreisen gab es bei uns aus finanziellen Gründen nicht), ich spielte im Posaunenchor des CVJM und sang in einer Kantorei. Wie meine Eltern es von mir verlangten, wie es zu jener Zeit gang und gäbe war und ich es als folgsamer Sohn denn auch tat, brachte ich zunächst eine lange und ausgedehnte Schulausbildung hinter mich (im Nachhinein glaube ich, dass meine Mutter öfter in dieser Schule war als ich selbst!). Trotz oder wegen zweier Ehrenrunden wurde mir letztendlich eine "mittlere Reife" zugestanden. Und da ich meine Gebeine noch unter der Eltern Tisch setzte, geboten sie mir, eine Lehre zu machen. 

Ja gut: ich war ein künstlerisch begabter junger Mensch und strebte eine Tätigkeit im grafischen Gewerbe an. Also bewarb ich mich u.a. bei einer großen Druckerei, die - neben vielen anderen Zeitschriften - die Micky Maus-Hefte für den deutschsprachigen Raum druckte und daher prädestiniert für meine Ausbildung schien. Aufnahmeprüfung locker geschafft - alles in trockenen Tüchern - bis einem pingeligen Amtsarzt auffiel, dass ich an Deuteranopie leide (also rot-grün schwach bis farbenblind bin): nicht grade die allerbesten Voraussetzungen für einen Grafiker. Die Zeit drängte und ich beschloss, irgendwas an der frischen Luft zu suchen. Ich stieg ein ins Bauwesen (Fernziel Architekt) und habe eine Lehre beim Weltkonzert HOCHTIEF angefangen und irgendwie auch beendet (als Eisenwichser [sprich Betonbauer] inkl. Gesellenprüfung und -brief).

Der Brief für das Ablagefach A
mein Gesellenbrief (auch Facharbeiterbrief) von 1967

Als Beweis links ein Bild des Original - wunderbar..

Dieser Brief sieht aus wie ein Führerschein, war bzw. ist zu nix nutze - zumindest nicht für mich. Er taugte allemal als Beweismittel:  ich konnte damit eine abgeschlossene Berufsausbildung nachweisen - und hatte somit die Vorgaben meiner Eltern erfüllt...

Nun wären nach damals üblichem Lebensablaufplan die nächsten Schritte gewesen:
1. feste Arbeitsstelle suchen und finden
2. feste Freundin suchen und finden
3. die dann auch schnell heiraten (war Voraussetzung für Pt. 4)
4. gemeinsame Wohnung suchen und einrichten
5. Kind zeugen und gemeinsam alt werden
und dann
6.sich bis an sein Lebensende ausmalen, was man wohl alles verpasst hat
oder 
7. zwischendurch aussteigen...

Fast alle Jungs aus meinem damaligen Umfeld (Schule, Lehre, Freundeskreis, Band) machten das so, denn so wurde es von einem folgsamen Sohn erwartet, etwas anderes wäre gegen die Norm, gegen das familiäre U(m)nfeld, ja gegen das Establishment gewesen. Diskussionen gab es damals nicht - es wurde so gemacht, wie die Familie es geplant hat: BASTA! 

Ich
wagte den Bruch, stieg schon vor Punkt 1 aus, wollte aus dem Hamsterrad raus und mein Ding machen. Viele meiner damaligen Freunde, Kollegen und Mit-Musiker zogen ihr Leben zumindest bis Pt. 4  durch, einige freuten sich auch über Pt.5, hingen evtl. eine zeitlang bei Punkt 6 oder übersprangen 6 und vollendeten diese ihre  "Karriere" mit Pt. 7 und sortierten sich dann neu - aber keiner von Ihnen blieb verschont - keine ihrer Ehen hat gehalten...

Ich also traue mich und überspringe die Punkte 1-6, fange ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben gleich mit Pt. 7 an - wobei:

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PRIVATE SITUATION 68

eine private Situation Ende 1968 stellt sich für mich recht undurchsichtig dar. Bernd Witthüser hat mir meine Freundin "Bimbo L." ausgespannt, geschwängert und geheiratet. Das mit der "freien Liebe" und dem "Was mein ist, ist auch Dein" hatte ich da wohl noch nicht so richtig verinnerlicht und gerate in eine Sinnkrise: schwerer Liebeskummer treibt mich in eine tiefe Depression. (auf dem Foto rechts ist meine Welt noch in Ordnung...),


Mit Bimbo zu Besuch bei meinem Bruder

Ich meide fortan das Podium - was ja für mehr als 1 Jahr mein Zuhause geworden ist - sehe meine Freunde nicht mehr, ziehe mich total zurück. Für kurze Zeit quartiere ich mich wieder in mein altes Jugendzimmer bei meinen Eltern ein, merke aber schnell, dass dieser Zustand keine Dauerlösung sein kann.


DJ Walter mit Barmädel Lucy

Ich lasse meine Beziehungen spielen und lande relativ schnell in Bünde/Westfalen, wo ich mich in einem  Etablissement als Discjockey verdinge. Kost und Logis frei im Haus bei den Barmädels: da komme ich schnell auf andere Gedanken (siehe Bild links). Als nach 3 Monaten der Laden abfackelt, geht es flugs zurück nach Essen - Heimweh ist eben noch schlimmer wie Liebeskummer.

Auch hier in der Heimat werden Discjockeys gesucht und gebraucht, und so arbeite ich eine ganze Zeit in verschieden Diskotheken (Kaleidoskop, Pferdestall, Black Horse), lege Platten auf und unterhalte das Publikum mit Witzen, Sprüchen und Spielen.

inige der alten Kumpels von früher kontaktieren mich dann wieder, wir treffen uns tagsüber - ich arbeite ja des nachts - hören Musik, rauchen und quatschen über Gott und die Welt. Uns bewegt in jenen Tagen so Einiges: das Leben um uns herum gerät ordentlich in Bewegung. Auf der einen - der großen Seite - die "Bürgerlichen", eben die, die das Sagen haben, eingebunden in ihren Trott und behaftet mit dem Muff der Kriegs- und Nachkriegszeit. Auf der anderen Seite die "Revoluzzer", die APO, die politischen Außenseiter, die aktiven Studentenverbände, die das herrschende System in Frage stellen. Und mittendrin irgendwo dazwischen: die mehr oder weniger Unpolitischen, die ihr eigenes Ding machen, die sich ohne Revolution selbst verwirklichen, die sich eine eigene Freiheit, eigene Freiräume friedlich (er)schaffen wollen. Bezeichnend für uns und unsere Situation in der damaligen Zeit ist dieses Foto: ein Farbklecks in grauer Landschaft - so fühlen wir uns auch...

.
Ein wenig Farbe in einer tristen grauen Industriekulisse

Wir wollen - zunächst mal für uns selber - Farbe in unser Leben bringen, inspiriert durch das, was wir im Fernsehen sehen, was wir in der sogenannten "Underground"-Presse lesen und was durch die Musik zu uns schallt: Flower Power. Wir hören Musik von Jefferson Airplane, Grateful Dead, Big Brother & the Holding Company, Frank Zappa, Quicksilver Messenger, Country Joe & the Fish etc.


Labormaterialien für die Dia-Produktion

.Wir verstehen die Texte größtenteils zwar nicht, aber wir hören die Botschaft. Wir missbrauchen alte Diaprojektoren, präparieren die Dias mittels Pinzette mit Acethylen und Farben (siehe Labor links) und fabrizieren so unsere eigenen Lightshows, wir ziehen uns bunt an und den einen oder anderen durch. Wir bilden eine kleine freie Gemeinde in einem wilden, feindlichen Land, verschrien als Gammler, als arbeits- und lichtscheues Gesindel, als Abschaum: "bei Adolf..." Aber da stehen wir drüber und lächeln zurück.

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UNSERE WELT

- das war schon eine verdammt schöne wilde tolle affengeile erlebnisreiche emotionsvolle überschwängliche Zeit: jeder, der aktiv dabei war, der diese Zeit mit gelebt und erlebt hat - egal in welcher Funktion - wird sie niemals vergessen. In vielen Gesprächen, in Briefen und emails höre und lese ich von später Geborenen: wie gerne wären wir damals dabei gewesen und hätten das live miterlebt... Da habe ich wohl die Gnade der frühen Geburt.  
Es gibt natürlich auch Zeitgenossen, die ihr Engagement in jener Zeit verdrängen oder verleugnen, weil es für ihr jetziges gutbürgerliches Leben und/oder ihre Karriere einen Flecken auf ihrem blütenweißen Party-Jackett hinterlassen könnte. Sie sollten aber nie vergessen, dass sie ohne diese Erfahrungen nicht die Menschen geworden wären, die sie heute sind.


So sah es bei den 'Studenten-Demos aus, egal ob in Berlin, Essen, Düsseldorf oder München

  Damit verbunden sind Namen wie Rudi Dutschke, Benno Ohnesorg, Fritz Teufel, Axel Springer, FJS und Willi Brand, Bader und Meinhof, Ho Chi Ming, Mao und Bewegungen wie Uni-Proteste, Demos, Internationale Songtage in Essen 68, Vietnam-Krieg, Hippies, Kommunen, antiautoritäre Erziehung, Emanzipation: das Auflehnen gegen bestehende Institutionen, Strukturen und Verhaltensformen.

In Erinnerung sind seinerzeit gerne ge- und benutzte Sprüche wie • Trau keinem über 30 • Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren • Wer 2x mit der Gleichen pennt, gehört schon zum Establishment • Revolution ist machbar, Herr Nachbar • Haut dem Springer auf die Finger • Auf deutschem Boden darf nie mehr ein Joint ausgehen - und viele andere mehr...

...und wir dabei und mittendrin: Wir waren Forscher, Astronauten, Piraten, Weltenbummler in unerforschtem, fast jungfräulichem Umfeld. Alles war neu und aufregend, Freiräume wollten ausgefüllt werden - und das haben wir gemacht. Die Freiheit des Handelns war uns damals glücklicherweise durch eine demokratische Gesellschaftsordnung möglich: der Mensch ist frei, wenn er eine Wahl treffen kann. Wir nutzen dies, wir waren jung und hatten nichts zu verlieren. Mit einem gefüllten Rucksack auf dem Rücken wäre unser Weg schwer zu gehen gewesen - es reist sich einfach besser mit kleinem Gepäck. Mit einer kleinen Reisetasche hingegen stand uns die ganze große Welt weit offen.

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IEST - INTERNATIONALE ESSENER SONGTAGE 1968

 
ährend meines Wehrdienstes werde ich aufmerksam auf eine große Sache, die in Essen bevorsteht. Im Blätterwald rauscht es verdächtig, Volkes Seele wird angestachelt: da sollen Langhaarige, Protestler, Hippies aus Amerika, diese Teufelsklicke aus Berlin und was immer für Typen in der Grugahalle in Essen an- und auftreten – die Essener Songtage werfen ihre Schatten voraus. Viele der angekündigten Musiker - vor allem die deutschen - kenne ich teils persönlich von der Waldeck, aber die Fugs, die Mothers, Frank Zappa, Julie Discoll, Alex Corner etc. will ich unbedingt mal live sehen und hören. Im Fernsehen laufen Interviews mit verunsicherten Essener Bürgerinnen und Bürgern, die den Tenor haben: die sollen alle da bleiben, wo sie jetzt sind. Wie schon gesagt, Essen ist nun mal keine Großstadt wie München, Düsseldorf oder Berlin. Essen ist ein Zusammenschluss von vielen Vororten, nicht weltoffen, sondern provinziell - von daher passt so eine Veranstaltung eigentlich gar nicht hier her, und daher sind alle (Presse, Musiker, Veranstalter, Politiker und Publikum) äußerst gespannt, was da abgehen wird...


Das
Offizielle Poster  
INTERNATIONALE ESSENER SONGTAGE 1968
kurz IEST

n den Medien wird ordentlich Wirbel gemacht, und ich als neugieriger wissbegieriger junger  Wassermann setze daher alles daran, an diesem Wochenende „Heimaturlaub“ zu bekommen. Mit einer Rekruten-Fahrgemeinschaft komme ich tatsächlich pünktlich freitags abends in Mülheim bei meinen Eltern an, und am Samstagmorgen fahre ich mit der Straßenbahn in Richtung Essen. Alles ist ganz normal in der Bahn "Linie 18", bis an der Haltestelle Hobeisenbrücke ein ganzer Schwung „Unbürgerlicher“ den Waggon stürmt: sie kommen vom Jugendzentrum Essen, wo eine „Außenstelle“ der Songtage für die Kabarettisten eingerichtet ist. Beim Umsteigen am Essener Hauptbahnhof zur Grugahalle geht es dann schon richtig ab: Jungs und Mädels im Parka, mit Schlaf- und Rucksäcken, es wird geraucht und erzählt und gesungen und gelacht, ein Sprachgewirr ohnegleichen. Mir schießt es in den Kopf: hoffentlich merkt hier keiner, dass ich deutscher Soldat bin: die steinigen mich - oder bieten mir einen Joint an - doch alles ist und bleibt friedlich, es gibt keinerlei Aggressionen, keine  Probleme: eine harmonische Grundstimmung liegt über allem und in allen.

Beim Anblick der Grugahalle überrollt es mich dann endgültig: junge Menschen soweit das Auge reichte, bunt, fröhlich, offen und locker - wobei auch revolutionäre Töne nicht zu überhören sind. Fernsehstationen haben ihre Aufnahmewagen aufgebaut, der Rundfunk ist natürlich auch am Start und Fotografen sind vor Ort: Motive sind ja zu Genüge vorhanden.


Fritz Teufel, Frontmann der Kommune 1 aus Berlin

Die größte Traube bildet sich anfangs um die Jungs und Mädels der Kommune 1 aus Berlin (Teufel, Langhans und Co.), aber schnell wende ich mich wieder dem eigentlichen Geschehen zu.
Ich habe 1965 die Rolling Stones in dieser Halle erlebt, aber das hier kommt mir schon allein von den Menschen her ein paar Nummern größer vor – und irgendwie total anders. Ich sehe vereinzelte Polizisten, die sich aber mehr im Hintergrund halten - nicht, dass ich mich unwohl gefühlt hätte, aber es sind so viele (teils fremde) Eindrücke, ein anderes, unbekanntes Flair, eine noch nicht erlebte Aura: ich schwimme einfach mit, lasse mich treiben, hin und her gerissen von den Aktionen, die überall und ununterbrochen abgehen. 
it großen Augen, mit meiner Bundeswehr-Fastglatze (aber immerhin noch mit einem dicken Schnauzbart) und mit offenem Herzen sauge ich das alles in mich hinein. Es ist ein Bombardement für Auge, Hirn und Herz - Musik überall  - eine donnernde Achterbahnfahrt durch unbekanntes Terrain – ein Vergessen aller Konventionen – ein Happening für alle Sinne – ein Rausch unbekannten Ausmaßes. Auf mehreren Bühnen Musik, Lightshows tauchen die Halle in psychodelisches Licht, es riecht nach Shit und Gras,  es ist rappelvoll in der Halle und vor der Halle und im Foyer unten, und alles wartet auf Zappa und die Mothers.
Die kommen und spielen: ich verstehe  gar nix, die Musik ist auch nicht von der Art, die ich normalerweise höre, aber es reißt mich mit - vergleichbar mit einer Missionsveranstaltung von Billy Graham, aber eben auf einer ganz anderen Ebene.


Frank Zappa & die Mothers of Invention life auf der Bühne der Grugahalle

Im Foyer unten ist es wie auf einer  Messeveranstaltung für Hippies und Undergroundler mit einem Riesenangebot an Dingen, wie ich sie in dieser Art und Masse noch nicht gesehen habe: Stände mit Postern, Tshirts, Stirnbänder, Zeitschriften, Bücher, Platten, Wasserpfeifen und Chillums, Ketten und Schmuck...
...und jede Menge Gleichgesinnte: WOOOOOOOOOOOW.

Die Erweckung

lleine bin ich hingegangen, ich gehe allein auch irgendwann nachts wieder – aber ich fühle mich nicht allein. Von 0 auf 100 an einem Tage, das hat rein gehauen, das sitzt. Und verbunden damit die tief greifende Erkenntnis, die sich in dieser Nacht festsetzt: ich bin einer von ganz vielen. Wie viele andere, die ich an diesem Tag gesehen und gehört habe, komme ich zu der Erkenntnis: auch ich sollte meine Kreativität ausleben: Ich bin die Jugend / Wir sind die Jugend, Wir sind eine Macht, – ein jeder kann sein Ding durchziehen, kann sich verwirklichen, kann seinen eigenen Weg suchen und finden - als Teil einer neuen Generation. Es ist ein Weckruf und ein Bewusstwerden: ich habe die Möglichkeit, mich mit meinen Fähigkeiten, mit meiner Kreativität zu verwirklichen. Und auch das wird mir klar: dafür muss ich aktiv werden, ich muss mein Leben selbst in die Hand nehmen: nur zuschauen, genießen und alles toll finden wird mich nicht weiter bringen. 

Ich habe später einen Text geschrieben, der genau dieses Gefühl beschreibt und eigentlich seit den Songtagen in mir nachhallt: ... und ich erkenne mich, und ich erkenne meinen Sinn: ich komm, ich geh, ich war und ich bin.

 

Nur: bevor ich diesen Weg beschreiten und das Gesehene und Erlebte mit Leben erfüllen konnte, musste ich zunächst diesen Wehrdienst zu Ende bringen.



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MEINE
WEHRDIENSTZEIT

ie Wege des Herrn sind unergründlich: er lässt es zu, dass ich 1968 meinen Dienst für das Volk antreten muss... Dreimal hat meine Cola-Therapie wunderbar angeschlagen: ich werde wegen zu hohen Blutdrucks zurückgestellt. Als ich diese großen Mengen Cola nicht mehr sehen, geschweige denn trinken kann, werde ich prompt eingezogen. Fortan kämpfe ich nicht nur gegen die Russen, ich kämpfe fortwährend um meine Bart, muss aus diesem Grund immer wieder in die Gaskammer für Dichtheitstest meiner Gasmaske (die natürlich nicht ganz dicht ist und mich jedesmal bitterlich zum Weinen bringt, was dann wiederum die Ausbilder sehr freut - aber ich gebe nicht nach), werde getrietzt, bekomme den Wochenendurlaub gestrichen und muss Sonderwachen schieben...  
Ich bin (k)ein guter, aber ein lu(i)stiger Soldat
, der immer wieder tollen Stress mit seinen Vorgesetzten hat - verschlafen, Schuhe nicht geputzt, Haare zu lang, Haare zu kurz, patzige Antworten gegeben, in die falsche Richtung geguckt, mit der falschen Hand gegrüßt: die ganze Palette rauf und runter eben, und darf dafür Liegestütze machen, 30 Runden um die Baracke rennen, bekomme Extra-Gewichte bei Märschen, werde bei Apellen bevorzugt behandelt - aber sie haben mich nicht brechen können! 

Ein wahres Pfund für eine Karriere bei der Bundeswehr ist meine Lunge (groß geworden durch die Blasmusik) sowie meine skiffleerprobte wunderbare Stimme: ich brülle beim Stubenappell (als Stubenältester bin ich per Gesetz dazu verpflichtet) so laut meine Meldung, dass die ganze Kaserne stramm steht. Des weiteren kommt mir meine Körpergröße  (oder -kleine) zugute: mit 164 cm bin ich sowohl in der Gruppe, im Zug als auch in der Kompanie der Kleinste, somit überall der Letzte (nicht das...) und darf daher jedesmal "Lied durch" brüllen, wenn "Gesang" angesagt ist (die gedient haben, wissen Bescheid). Es dauert nicht lange, und jeder in der Kaserne kennt mich und meine Stimme - sogar der Kommandeur...

Nach einem ½ Jahr Eingewöhnungs- und Anpassungszeit werde ich aufgrund meiner hervorragenden kämpferischen und stimmlichen Veranlagungen in die Kaserne Essen-Kray versetzt. Dort wird mir ein neues Outfit verpasst - ich bekomme (und gebe hiermit zu: nicht ganz gegen meinen Willen) neue wunderbare Kleider - und alle diese schönen Sachen sind irgendwie reichlich zu groß (bzw. ich bin zu klein): der Helm sitzt auf Augenhöhe, die Jackenärmel sind ca. 10 cm zu lang bzw. meine Arme zu kurz, der Mantel erreicht Zeltdimensionen und schleift über den Boden, und mein Beinkleid (das man wg. des langen Mantels leider nicht mehr sehen kann) wirkt wie eine Korkenzieherhose Marke Volkschullehrer. Als ich damit zum ersten Mal Torwache schieben darf und in  Ausübung meiner Pflicht heldenhaft den Kommandanten kontrolliere, ist dieser so erfreut ob meines Outfits, dass er mich stehenden Fußes zum Wachhabenden schickt -  und dieser mich vom aktiven Wachdienst abzieht (er murmelt dabei etwas von Schädigung des Ansehens der Bundeswehr in der Öffentlichkeit?) und dort auch nie wieder einsetzt. 


Die schönsten Momente in der Grundausbildung waren die, 
bei denen keiner der Ausbilder in der Nähe war

ls dann endlich irgendwann (nach entsprechend lancierten Nachrichten) bekannt wird, dass ich Musiker, also ein echter Künstler bin und damit in der Hierarchieebene der BW eigentlich total anders eingesetzt gehöre, werde ich - auch dank meiner Bekanntschaft mit den Elite-Schwimmern von Essen 06, die gute Jobs in der Waffenkammer, in der Schreibstube etc. innehaben - mit der Maßgabe, meinen mittlerweile auf Schnauzbart geschrumpften Bart auf das wirklich "Notwendigste" zu kürzen, als Ordonanz ins Kasino versetzt, wo ich fortan unter Einsatz aller meiner damals schon vorhandenen handwerklichen und intellektuellen Fähigkeiten Kaffee koche, Billard spiele, Küchenschaben unter den Kartoffeln verstecke, selbstgebratene Spiegeleier serviere und nach Feierabend mit meinem Oberfeld den „Goldenen Anker“ in Duisburg besuche. Der positive Effekt der Versetzung: ich bin nahe der Heimat und kann aufgrund des Schichtdienstes wieder als Disc-Jockey arbeiten. Das über ich im Bistro "La Lumiere" am Beginn der Rellinghauser Strasse im Schatten der alten Stern-Brauerei aus, wo sich tagsüber die Luden ihren Asbach-Cola flaschenweise reinziehen und abends die Jugendlichen auf den beiden Etagen zu den neuesten Hits, die der Disc Jockey auflegt, ausgelassen tanzen. Damit bin ich zurück in der Szene, habe ein warmes Zimmer inkl. freie Kost & Logie, bekomme einen zugegeben kargen Sold, kann mir aber nebenher mit dem DJ-Job so einiges dazuverdienen. Ich leiste mir den Luxus eines fahrbaren Untersatzes, um schnell hin und her flitzen zu können: einen Glas 1304 CL (siehe Bild rechts - kennt heute niemand mehr). Der ersetzt mein erstes eigenes Auto: einen geilen kleinen feinen, leider verunfallten Fiat 500 (tiefer gelegt, breiter gemacht: sah fast aus wie ein Arbath) - und nachdem auch dieses Fahrzeug seinen Dienst quittiert, fahre ich nur noch 2rädrig: als erstes ein affengeiles hollandsches Bromfiets, das mir aber nach einigen Monaten geklaut wird. Darauf folgt ein top frisiertes Moped der Marke Zündapp, welches ein ähnliches Schicksal ereilt wie das vorgenannte. Das reicht mir endgültig: ich bewege mich fortan nur noch per pedes, bis wir uns irgendwann endlich zusammen den ersten "W&W-Dienstwagen" leisten können. 

ch habe das Beste aus diesen 1 ½ verloren Jahren gemacht und werde 1969 nicht unehrenhaft als Stabsdienstsoldat entlassen - bin nicht mal Gefreiter geworden - und  tatsächlich auch noch irgendwie stolz darauf. Das alles war ja zum Glück nur "Krieg spielen" gewesen und kein Ernstfall: den haben wir später auf unsere Art & Weise besungen in dem Lied: "Leis ertönt das Abendglöckchen":

 


Doch damit ist das Kapitel "Dienst für das Vaterland" nicht abgeschlossen: als Mit-Begründer der "Jesuspilz"-Bewegung stelle ich den Antrag auf Kriegsdienst - Verweigerung, und da geht die Post dann so richtig ab (s. nach im Kapitel "Viehofer").

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© 2000 - 2021 by Walter Westrupp - letzte Aktualisierung Januar 2021