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Wir möchten dieses Lied noch singen
nur für Dich allein
es soll Dir etwas Freude bringen
grad´wie ein Sonnenschein

und zogen wir auch in fernes Land
weit weit hinweg von Dir
unsere Liebe hattest Du als Pfand
als Lebenselexier

Als wir nach vier Jahren dann
zurückkehrten von weit her
da hattest  Du einen anderen Mann
und kanntest uns nicht mehr

So gingen wir dann wieder fort
weit weit hinweg von Dir
es trieb uns zu diesem einsamen Ort
Dich vergessen möchten wir  hier

Doch wenn wir einst in jenen Tagen
vor dem großen Meister steh´n
dann schauen wir Dich an und fragen:
Sag, willst Du heute mit uns geh´n?

Witthüser & Westrupp von der LP "Lieder von Nonnen, Toten & Vampiren"


Geschichten aus der Anfängen von W&W

1. Kontakt - Podium - Das Gummiboot - Studium2. Poster - Essen


 
 

Der erste Kontakt der Musiker

ie erste Bekanntschaft – damals war natürlich überhaupt noch nicht absehbar (weder für uns selber noch für alle anderen direkt Beteiligten) was sich aus diesem kurzen Moment heraus für die Menschheit entwickeln wird. Denn das erste Treffen mit dem Menschen und Musiker Bernhard Witthueser vollzieht sich – von der Öffentlichkeit fast unbemerkt - Anno 1967 im legendären City-Club, der Szene-Kneipe in der City von Essen a.d. Ruhr, einem malerischen Bischofsstädtchen am Rande des Baldeneysees. In diesem In-Pub treffen sich zur Mittagszeit nette junge sympatische Leute von damals in ihrer Mittagspause, um sich in angenehmer Atmosphäre bei guter Musik und einem Cocktail die Zeit zu vertreiben. Einen Gutteil dieses besonderen Flairs mache ich aus, denn hier, in diesem wunderbaren Club, lege ich die Platten auf:  Walter W. aus E., seinerzeit knapp 21 Lenze zählend, bin hier der Disk-Jockey.

ch habe, wie meine Eltern es von mir verlangten und ich es als folgsamer Sohn denn auch getan habe, zunächst eine lange und ausgedehnte Schulausbildung hinter mich gebracht und auch eine Lehre irgendwie so beendet (als Eisenwichser [sprich Betonbauer] inkl. Gesellenprüfung und -brief)Der Brief für das Ablagefach A. Dieser Brief (siehe links das Original) sieht zwar aus wie ein Führerschein, aber er war zu nix nutze - zumindest nicht für mich. Daher „arbeite“ nun lieber – erstmals abgenabelt vom Elternhaus - als Platten-Reiter im besagten City-Club. Ich muss ehrlich sagen: dies ist wirklich eine sehr schöne Arbeit und auch eine tolle neue Erfahrung - und dabei im entferntesten nicht so, wie mir von meinen Eltern immer erzählt wurde mit erhobener Stimme wie: „geh du erst mal arbeiten, dann weißt Du, was ´ne Mark (ja, damals gab es noch echtes Geld) wert ist" und anderer solcher existenziellen Lebensweisheiten. Irgendwas muss ich entweder damals falsch verstanden haben oder jetzt falsch machen: ich habe freies Essen, frei Trinken, den ganzen Tag geile Mädels und nette Jungs um mich herum, lege mir von früh bis spät meine Lieblingsmusik auf und bekomme auch noch Knete dafür – was will ein junger gut aussehender (!) Mensch am Anfang seiner Freiheit und seiner Karriere mehr. Das ist doch was ganz anderes als diese ätzende Maloche während meiner Lehrzeit

och immer nur Plattenauflegen, mit netten Mädels flirten – all das füllt mich nach einiger Zeit nicht mehr aus. Unruhe befällt mich, und da ich im Zeichenunterricht durch meine fast genial zu nennende Kreativität immer wieder positiv aufzufallen wusste, setze ich diese meine Fähigkeit nun voll für den Fortbestand meiner beruflichen Existenz ein. Um auch abends den Laden richtig voll zu bekommen, veranstaltete ich neben epochalen Bilder-Ausstellungen mit nur Insidern bekannten einheimischen Meistern mind. 1x monatlich  Folklore-Abende, an denen ich lokalen Gruppen und Künstlern die Möglichkeit einräume,  wenigstens einmal in ihrem Künstlerleben aus dem Probekeller herauszukommen und in einer Ecke des Lokals (nicht zu laut) ihr Können einem desinteressierten Publikum zu präsentieren... Einer von ihnen ist der mittlerweile schon weit über die Stadtgrenzen hinaus – fast bis nach Duisburg - bekannte Bernhard „Bernd“ Witthueser, der „Protestsänger des Ruhrgebietes“,  der mit Songs von Thomas Rother,einem Essener WAZ-Redakteur, auftritt. 

 Bernd Witthueser, der Protestsänger des Ruhrgebiets, hier in einem Interview
und mit einigen Lieder aus seinem damaligen Programm wie
"das Arschleder zwickt" und "Wie die Pest das Land Karabul auffrass".
. 

Da Bernd ein ganz interessanter Typ ist und ich ja nun auch nicht so ganz ohne bin, entwickelt sich zwangsläufig eine zunächst recht lose Bekanntschaft.





Im City-Club:

Walter an der Gitarre mit Sängerin
und das Pärchen rechts zeigt 
Bernhard mit seiner damaligen
 Lebensgefährtin Annegret D.

Bild WAZ 1967 

 

Der erste Kontakt der MusikerDie Geschichte vom Gummiboot
Podium
ls mein Arbeitgeber, der Wirt des City-Clubs Egon Mai, ein neues Projekt angeht, sind Bernhard und meine unauffällige Wenigkeit – da wir uns nun schon näherer kennen und ganz OK finden - mit bei der Party: ein Folk- und Jazzladen mit täglicher Life-Musik ist geplant, ein Objekt gefunden: der in die Jahre gekommene urige "Künstlerkeller", ein Kellerlokal am Gänsemarkt in Essen, ein runter gewirtschafteter Jazzladen, hat den unschätzbaren Vorteil einer von der Theke abgegrenzten separaten Bühne mit einem kleinen feinen extraordinären Zuschauerraum. Wir entwickeln gemeinsam mit Wirt Egon ein entsprechendes Konzept, die Brauerei sagte dazu JAWOLL (Jazzer trinken bekannter weise gern mal einige qcm Gerstenkaltschale) und 1967 öffnet dann das „Podium“ seine Pforten und wird schnell zu einem Begriff im Pott, zu einer festen Institution im Ruhrgebiet. Ich arbeite dort als Disc-Jockey, als Pausenclown, Ansager und Musiker, während Bernhard als Koordinator und Manager für das Life-Musik-Programm die Fäden im Hintergrund spinnt und die auftretenden Künstler engagiert und betreut (diese Erfahrungen helfen ihm, als er Geschäftsführer der legendären Essener Songtage 68 wird). Alles, was Rang und Namen hat in Jazz und Folk und der Liedermacher – Szene, spielt fortan im PODIUM – tägliches Musik-Programm ist angesagt: ob Liedermacher wie Hannes Wader oder Horst Koch (der mit uns anschließend jedes Mal seine Gage versoff), ob Dixieland vom Prager Jazz-Quintett, ob Jasper ten Hoff´s Association P.C., Peter Brötzmann, Franz de Byl, Flamenco mit Manolo Lohnes oder klassisches Guitarrengezupfe vom Folkwang-Dozenten Dr. Beck , Freejazz oder Kabarett: alles, was spielen kann, etwas zu sagen hat und dazu noch irgendwie bezahlbar ist, tritt auf unserer kleinen Bühne auf - und natürlich auch (un-)bekannte (Nachwuchs) Gruppen und Künstler aus Essen und Umgebung (Franz de Byl z.B. hatte hier seinen ersten Life-Auftritt, Spontan-Sessions anwesender Musiker waren an der Tagesordnung und Ramses, das wahnsinnige Essener Piano-Unikat, war schließlich immer für ein „Chikago“ gut).  Studenten der Folkwang-Musikschule haben hier ein Podium für experimentelle Musik gefunden (was nicht unbedingt jedermanns Sache ist und auch oft weit über die Schmerzgrenze geht).

 

Walter mit seiner "Night Reveller Skiffle Group" gab im Podium des Öfteren Gastspiele, wie in diesem Filmchen von Papa Hülsenbeck sehr schön zu sehen ist.

Ansonsten gibt es reichlich Jazz, Skiffle und Folk von Acryl – und das Konzept stimmt: der Laden läuft super an. Wir leben gut von der Neugierde der Leute, die aus dem ganzen Ruhrgebiet, ja selbst aus der elitären Jazz- und Landeshauptstadt Düsseldorf angefahren kommen, um sich ein Bild von unserem Programm zu machen und dabei zu sein: Mann & Frau treffen sich, sehen interessante Mitmenschen, werden gesehen, rauchen Gaulloises, Rothändle und Reval ohne Filter oder drehen Schwarzen Krausen, trinken Pernod pur oder Whisky-Cola: schwarz gekleidete Intellektuelle, schlaghosentragenden Individualisten, minigekleidete Büromädchen im selbst gestrickten viel zu weiten Baumwollpullovern: der Laden ist Bühne für Musiker und Publikum.

ls die erste Neugierde befriedigt ist und langsam abklingt, andere Pop-In-Läden ihre Pforten öffnen und während der Woche der Besuch langsam aber stetig und unaufhaltsam sinkt, da checken selbst wir, dass tägliche Life-Musik auf die Dauer gesehen schwer zu finanzieren ist  – dennoch: wir geben Durchhalteparolen aus und suchen Mäzene (?), während unser Chef Egon derweil erste graue Haarstränen bekommt und sein Kontostand langsam, stetig und unaufhaltsam absäuft...

 

Life-Jazz im Podium (links)

und Walters Konterfei auf der Getränkekarte (rechts)

Das Podium in EssenDas Studium

Das Gummiboot

ines Nachts – es ist logischerweise stockduster draußen und auch dumpf-dunkel in unseren Köpfen – spricht Bernhard mit unheilschwangerem Unterton in der Stimme (wir sind zu dritt im Podium versackt und so gegen 3 Uhr morgens auf dem Heimweg): Ey, Jungs, watt machen wir denn jetzt? Ich hab noch keinen Bock auf schlafen. Aber nirgends ist was los, die Mädels sind alle schon vergeben! Ich hab ´ne Wahnsinns-Idee: Wir fahren heut Nacht mal zur See! Watt? Ja, auf dem Baldeneysee – ich hab ein Gummiboot. Wie Gummiboot, wo? Im Keller! Im Keller is kein Gummiboot! Doch, bei meiner Mutter im Keller. Hasse ´n Schlüssel? Nee, wir klingeln! Hasse ma auffe Uhr gekuckt? Egal! Gut, O.K., wir erst einmal wieder zurück zum Podium, Gin und O-Saft eingepackt, dann mit dem Taxi zu Muttern, die aus dem Bett geklingelt, Boot und Pumpe eingeladen und dann ab zum Baldeneysee. Das Boot, eine Latex-Nussschale mit einem Minipaddel, wird aufgeblasen und zu Wasser gelassen, die Proviant rein, wir rein und dann ab Richtung Seemitte. Kurs Süd-Oooost Oooost. Der Wind pfoff von Luv, ein Hund boll. Die Uferlichter verschwinden langsam hinter unserem Kielwasser und wir lassen uns treiben und den Gin kreisen: auch bei uns gehen langsam die Lampen aus und uns wird nebelig. So treiben wir in der Seemitte und singen mit unseren hellen Knabenstimmen Hans-Albers-Lieder in die Stille. Es wird schattig und immer nebeliger, bis uns auffällt, dass der Nebel jetzt auch noch von außen kommt. Ermattet sinken wir zurück, erholen uns mit ein paar kräftigen Schlucken von diesem Schock und von den Strapazen unserer Gesangseinlagen – da fällt mir ein leises wohl bekanntes Geräusch auf:  einer furzt - und hört gar nie nicht auf zu furzen. Nach eingehender Untersuchung stellen wir dann übereinstimmend fest: es ist keiner von uns! ES IST DAS BOOT! Und das fängt prompt an, in der Mitte einzuknicken – wir haben einen Platten, ein riesiges Leck - und Wasser tritt ein. An Bord bricht sofort die helle blanke Panik aus: wo ist das verdammte Flickzeug.  Es ist irgendwie wohl in der Werkzeugkiste – und die ist zu Hause. Wir haben die Rettungsringe vergessen, auch die Rettungsboote sind weg, wir haben keine Leuchtraketen mit, unser Funkgerät ist (wahrscheinlich von Piraten gestohlen) nicht mehr da, das Echolot haben wir in den Schweiz Alpen liegen lassen (wegen der Akustik). Sind wir verloren? Wo sind die Seenotrettungskreuzer und die DLRG-Schnellboote, die sonst zu Hunderten hier herumfahren. Darf es für Lebensretter überhaupt Feierabend geben? Wir sind verloren. Was für ein Tod. Was wird in unseren Nachrufen stehen: wahrscheinlich nichts Gutes. Und wir sind doch noch so verdammt jung.

ährend ich verzweifelt und mit nur mäßigem Erfolg versuche, das Boot während der Fahrt wieder aufzupumpen, paddelt der zweite Offizier los und Bernhard – er hat sich mittlerweile zum Kapitän gemacht und übernimmt neben der Verantwortung auch die Navigation (dabei verwechselt er aber immer backbord mit links), um uns ans rettende, auf Grund des Nebels aber nicht auszumachende Ufer zu bringen. Zunächst landen wir dann natürlich auf der falschen Seite des Sees, pumpen dort nach, schütteln unsere Schuhe aus und ab geht es wieder auf´s/in´s Wasser und mit erhöhter Schlagzahl (120) zurück zum Anlegesteg des „Ruderclub am Baldeneysees“, den wir nach ca. 20 Stunden (!) finden, nachdem wir wohl den ganzen See umfahren hatten (ca. 1,5 x Marathonstrecke). Wir kriechen auf den Steg, binden mit einem doppelten Windsor-Knoten das Boot seefachmännischst an einem Poller fest und sinken erschöpft, unterkühlt und halbtot (sprich besoffen) auf die Bretter, die für uns das Überleben bedeuten  – und fallen in einen schock- und ohnmachtsähnlichen Tiefschlaf. Jahre später erst schrecken wir wieder hoch, aufgeweckt vom Gebrumme der Rettungshubschrauber – nein, es sind die Fluggeräusche eines riesigen Bienenschwarmes, ja eines ganzen Bienenvolkes (ca. 1 Mio.), das um unseren Gin-O-Saft düst und sich den Rausch seines Lebens ansäuft – den Honig hätte ich gerne mal probiert.

ach dem wir am Stand der Gestirne die Uhrzeit bestimmt haben (es muss wohl so gegen 11 Uhr vormittags sein) und anhand der Kerben in der Gummiboothülle feststellen, dass es Sonntag ist, wir dann durchzählen und die Besatzung wie auch unsere Knochen als vollständig befinden, nehmen wir unsere Umgebung wieder wahr, die uns aber schon längst entdeckt hat: die Uferpromenade ist voller Sonntag-Morgen-Spaziergänger, die uns anstarren, als wären wir gerade - von einer Grönland-Expedition zurück kommend - hier gestrandet. Womit sie ja gar nicht so falsch liegen – wir bieten ein Bild wie aus einem kanadischen Abenteurerfilm. Nachdem wir Autogramme verteilt haben, Interviews gegeben und Glückwünsche entgegengenommen haben, schultern wir unsere Ausrüstung und machen uns auf den langen Marsch zur nächsten Bahnstation, um in die Heimat zurückzukommen. Wir sind verdammt stolz, den Naturgewalten getrotzt zu haben – wir haben dieses mörderische Abenteuer unbeschadet überlebt, was natürlich auch unser Selbstwertgefühl ungemein stärkt. Oft sitzen wir fortan abends im Podium und müssen diese unglaubliche Geschichte erzählen – na ja, da ist dann auch schon mal von Haien die Rede und angreifenden U-Booten – Seemannsgarn eben. Darauf einen Gin mit O-Saft!

Das GummibootDas 2. W&W-Poster

Studium

as Podium – was wir ja schon befürchtet hatten – geht mit seiner Programmkonzept nach 1 Jahr leider wirklich pleite – tägliche Life-Musik ohne Publikum ist eben auf Dauer für einen Normalsterblichen einfach nicht bezahlbar. Neue Pächter mit neuem Konzept übernehmen nun den Laden und machen ihn wieder flott. Leider sind wir für die auch nicht mehr bezahlbar. Das finden wir äußerst schade, aber als Gäste schuften wir vor Ort jeden Abend weiter unser Pensum weg (schließlich gehören wir quasi zum Inventar und der Laden ist uns im Laufe der Jahre irgendwie ans Herz gewachsen: es ist quasi unser 2. Zuhause mit Familienanschluß). Aber was tun? Wir suchen eine Aufgabe, ein Ziel, eine sinnvolle Beschäftigung, eine Herausforderung, eine daseinberechtigende Tätigkeit.

Wer suchet, der findet: da Gott und die Welt und alle die wir kennen und kannten und auch all die Anderen, die wir bis dato noch nicht kennen gelernt haben, studieren oder studiert haben oder zumindest einmal in ihrem Leben an einer Uni eingeschrieben gewesen sein wollen, wird es für uns immer deutlicher: AUCH WIR WERDEN STUDIEREN!! Wir müssen studieren, um gesellschaftlich akzeptabel zu sein und auf die Dauer auch zu bleiben. Welcher Makel doch im Leben, wenn man dereinst zugeben müsste: nein, ich habe nicht studiert.
Das Studium soll natürlich für uns auch nutzbringend sein, und somit drängt  sich quasi von selbst (um musikalisch weiterzukommen und sonst sowieso nicht anderes in Frage kommt [ohne Abitur bist du für die meisten Unis irgendwie nur Luft]) zwangsläufig ein Musik-Studium auf. Folkwang-Schule ist zu elitär, also machen wir uns auf die Suche und bestehen auf Anhieb die Aufnahmeprüfung am Konservatorium in Duisburg und schreiben uns dort ein: 
Bernhard für das Studium der Gitarre und ich das der Zugposaune.

der gescheitelte slide-trpmboner

The Guitarman...

Wir kaufen uns von unserem letzten Geld einen alten klapprigen Opel bei unserem  Lieblings-Gebrauchtwagenhändler Reintges (damals klein auf´m Hinterhof, durch die damaligen Umsätze mit uns einer der größten Autodealer des Ruhrgebietes - weil wir aber in letzter Zeit [?] nix mehr bei ihm kaufen, jetzt Pleite) und düsen fortan Tag für Tag in aller Herrgottsfrühe los und studieren wie die Wilden. Der Titel „Student“ tut unserem Ego ungeheuer gut (wird Zusatz auf unseren Visitenkarten), zudem lernen wir manch Sinnvolles für die Praxis (Fingerhakeln, Schiffe versenken, blau machen) als auch musiktheoretisches Grundwissen, ätzend und zäh und - wie früher Erdkunde in der Schule – im wirklichen täglichen Leben einfach kaum anwendbar. Walter mit seiner "Maschine" auf dem Weg von der Uni zur Arbeit

ittags geht´s zurück in die Heimat, und da wir noch keine Aktienpakete in unseren Depots in Macao haben und auch die Kontoauszüge generell einen Niedrigstand ausweisen, der weit unter der Überlebensgrenze  von Studenten liegt, begeben wir uns in leibeigenschaftsähnliche abhängige Beschäftigungsverhältnisse. Ich fahre des nachmittags mit meinem frisch frisierten vorderradgetriebenen grünlackierten Zündapp- Super- Maschinenmoped zu der Essener Uhrenersatzteilfirma Flume, wo ich die Artikel-Kartei umstellte (ich wusste bis dato gar nicht, aus wie vielen verdammt kleinen Teilenchen eine simple normale Armbanduhr besteht und wie viele Marken es dann noch gibt – und dazu kommen dann noch Wecker, Wand-, Stand-, Kuckucks- und Kirchturmuhren ...). Aber ich mache meine Arbeit wohl oder übel und ganz zufriedenstellend (?) und werde diesmal nicht sofort nach 3 Tagen rausgeschmissen.


Was mir bei dieser Firma aber den meisten Spaß bereitet: einmal in der Woche spiele ich nun in der Betriebsportgemeinschaft Fußball im vorgezogenen halblinken Mittelfeld. Die Mannschaft verliert dank meiner hervorragenden Kondition und auf Grund meines immensen Lungenvolumens, das ich als Blasmusiker nun mal habe und das mich weite Wege gehen lässt, zwar weiterhin 2-3stellig, nein -  ich schieße sogar mal ein Tor (oder waren es gar 2(!]) und wir verlieren darob zum ersten und einzigen Mal nicht zu null - klar. Mit diesem/n Treffer/n führe ich bis zu meinem Ausscheiden einsam die interne Torschützenliste an.

ernhard gibt derweil Gitarrenunterricht an der Volkshochschule in Essen – und so halten wir uns finanziell irgendwie am Leben: Als studierende Sozialfälle ohne Unterstützungsperspektive leben wir glücklich und zufrieden am Rande des Existenzminimums in dem unerschütterlichen Bewusstsein, dass es irgendwann mal besser werden wird und wir die Mietrückstände ausgleichen können; ganz zu schweigen von den unbezahlten Platten-Rechnungen im Musikhaus unten im Haus. Und auch die Deckel im Podium, die schon Wagenradgröße erreichen, wollen wir ja  irgendwann mal bezahlen werden können sollen oder so... Denn abends/nachts bis hinein in Morgen waren zum Ausgleich der Hormone und zur Pflege mit- und zwischenmenschlicher Beziehungskisten Besuchs- und Arbeits-Programme im Podium oder POP-IN und/oder bei Ampütte angesagt – bis dem Morgen graute.

 

Hier ein Film über die Anfänge von Witthüser & Westrupp, mit einigen Liedern aus ihrem 1. Programm: "Wir möchten dieses Lied noch singen" und dem damaligen Smash-Hit "Dracula"

iese unsere wilde Studentenzeit dauert fast ein (!) Jahr an, bis uns der Erfolg überrollt und wir (leider) nicht mehr die Zeit finden, unsere Dozenten mit unserem Wissen und Können zu ekstatischen Ausrufen wie „Mein Gott“ oder „Das gibt´s doch nicht“ bis hin zu „das hab ich ja noch nie gehört“ zu treiben: die haben uns bis heute nicht überwunden. „Meine“ Firma steht nach meinem Ausscheiden kurz vor dem Konkurs (keiner findet mehr was wieder) und den Gitarrenkurs von Bernhard übernimmt der Gitarrenspieler vom „Wanderclub Mandoline“ aus Essen-Steele/Süd – wir hinterlassen fast nicht zu schließende Lücken – aber das ficht uns nicht weiter an. Zu groß, zu mächtig sind neue Herausforderungen und Aufgaben, die das Leben an uns stellt, als daß wir noch einen müden Blick zurück hätten werfen können. (Das Leben ist eben manchmal sehr hart und wirklich ungerecht – aber Klasse). Außerdem sind wir durch diese unseren eigenen Erfahrungen zu der Erkenntnis gekommen: Arbeit ist Scheiße – sie hemmt einen nur bei der kreativen Bewältigung des Daseins / des Hierseins / des ICH-Seins!
Das Studium

Unser 2. Poster

ir brauchen dringendst– die Veranstalter fragten verstärkt nach  W&W-Postern – neue Plakate. Unsere bisherigen - die sind noch für das Programm "Lebende Tote Vampire" der "Bernd Witthüser Sing- & Spielgemeinschaft" (kurz SUSG genannt) - sie sind aus... , und so setzen wir uns mit unserem Haus- und Hof-Grafiker/Fotografen-Team Volker Bargatzki / Frithjof Hirdes in Verbindung und besprechen mit den beiden einen originellen ausgefallenen einzigartigen unverwechselbaren Neuentwurf .

s sieht mehr nach einem alt-ägytischen Pyramidenwächterduo als nach einer neudeutschen Folkrockband aus, aber es ist der Knaller – endlich mal wieder ein künstlerisches Poster mit Stil, mit Aussagekraft, mit Charisma – ein Kunstgegenstand eben, ein Stück deutscher Plakatgeschichte, das man sich in´s Wohnzimmer hängt und wo alle sagen: „Hey Mann, das ist ja supergeil, wo hasse datt denn her“. Darauf hatte die Welt lange gewartet.

Die Nachfrage ist so riesig, dass die Druckerei kaum mit dem Druck und wir mit dem Verschicken nicht mehr nachkommen. Wenn z.B. der ASTA der Uni Münster für einen Auftritt von uns im dortigen Audimax 100 Poster ordert, dann liegt spätestens nach 1 Woche die Nachbestellung auf dem Tisch. Grund: die 1. Lieferung ist zwar ausgehängt, aber mittlerweile von Fans oder Kunstliebhabern wieder abgehängt und geklaut worden. Die Poster werden zu einem begehrten Sammlerobjekt, was sich natürlich in der Szene herumspricht und bei manchen Zeitgenossen dann leider auch unseriöse (damit vermeide ich ein schlimmeres Wort) Energien weckt. Pedro Meurer, Kampfgefährte zu der damaligen Zeit und bis dato eigentlich als Freund zu bezeichnen, schließt sich in einer Nacht- und Nebelaktion mit Poster-Shop Ecki zusammen, der sich ebenso in unserem Dunstkreis bewegt. Die beiden drucken – ohne unser Wissen und ohne Genehmigung der Grafiker (also der geistigen und auch praktischen Urheber) die Poster nach und vertreiben Sie in ganz Europa und verdienen sich eine güldene Nase. Diese Nasenbären. Diese Schweinepriester! Wenn sie uns wenigstens beteiligt hätten...
Ich habe – nach Jahrenden - zum Glück irgendwann durch Zufall im „Fährschipp“,  einer Kneipe in Essen-Werden bei meinem Freund Achim Schagen (der uns nie als Beleuchter mit nach Nepal genommen hat) ein Exemplar entdeckt. In einer großzügigen/-mütigen Anwandlung und einem kleinen Umweg über Lamberts Arche Noah hat er es mir dann zukommen lassen und jetzt schmückt und verschönt es meine eigentlich auch so schon wunderbare Bar: und nach jedem Schluck wird es wunderbarer...
 

 

 
Keine Altstadt, kein Fachwerkhaus
Stahl & Beton - ohne Pardon
doch ungebrochen und versessen
bin ich besessen von meinem Essen:
im schönsten Wiesengrunde!

(aus "Downtown Essen" - Walter h.c. Meier Pumpe 2003)

eber die Stadt Essen muss ich natürlich auch ein paar Worte verlieren, denn hier lebten wir, hier wirkten wir, hier war unser "Zuhause" und hier war unser Publikum. Essen ist eine Großstadt (seinerzeit über 600.000 Einwohner), aber sie besteht eigentlich aus einer fast unbewohnten City - die im Krieg total zerbombt wurde und deren übrig gebliebenen repräsentalen Häuser wie das alte Rathaus (links) auch noch abgerissen wurden zugunsten von Warenhäusern - und vielen eingemeindeten Vororten, die relativ autark und jeweils die eigentliche Heimat der Bewohner waren. "Vor Ort" sprach der Schiedsmann Recht, hier waren die Fußball-Vereine, Schulen, Schrebergärten, Bergbaukolonien, Parks, Schützenvereine: hier war man Zuhause - im tiefsten Wiesengrunde. Einkaufen ging man im Ort - und ein oder zweimal im Jahr in die CITY... Vom Bewusstsein her waren die Besucher der City also Kleinstädter, die ihre Kinder an die Hand nehmen, wenn ein Farbiger entgegen kommt: "Komm sofort her: da kommt ein Neger!". "Kuck ma da, datt sind Gammler: nimm Dich ja vor die in Acht!". Pflastermaler werden von den Geschäftsleuten verscheucht, bei Strassenmusikern wird die Polizei gerufen. Wenn ich mit meiner 1. Skiffle-Gruppe "The Night Revellers" auf der Strasse spiele, wartet in der Nähe immer unser "Roady" mit dem Bus bei laufendem Motor. Kommt dann die Warnung "Achtung, Bullen" rasen wir zum Bullie, düsen los, um 3 Plätze weiter wieder rauszuspringen - und das Spiel beginnt von Neuem.

Wir wohnten in einem der wenigen Miethäuser mitten in der City auf der Viehofer Strasse, ganz in der Nähe unserer Stammlokale "Podium" und "Pop In". Nachts war die City ausgestorben, und wenn wir morgens durch die menschenleeren Strassen nach Hause wankten, wurden wir permanent von den Bullen angehalten und mussten unsere Daseinberechtigun kundtun.
Da wir uns - je nach Stimmungslage - diesem Begehren zu widersetzen versuchten, wurden wir Stammgäste in der Hauptwache am Weberplatz, wo es dann des Öfteren auch zu Handgreiflichkeiten kommt (immer fangen aber die Polizisten mit dem Scheiss an). Merke: wo sonst niemand ist, fällt der Einzelne eben besonders auf - vor allem mit langen Haaren und Bart. In Düsseldorf, Berlin oder  München, also wirklichen Metropolen, in denen wir des Öfteren sind, fallen wir überhaupt nicht auf: niemand dreht sich nach uns um, niemand zeigt mit Fingern auf uns, niemand hält sein Kind fest: unheimlich.


Ein Foto aus einem Stern-Artikel mit der Überschrift:
Sind das die Stars von morgen?

Die City mit dem Prädikat "Essen, die Einkaufsstadt" ist für uns als Subkulturler aber geradezu ideal: hier gründen wir unsere 1. Kommune, hier verschrecken wir die Passanten als 1. Hippies, hier können wir auf eine nette Art Bürger erschrecken: nicht von ungefähr entsteht in dieser Zeit der Begriff "Bürgerschreck". Hier fällt nicht auf, wenn wir auf dem Burgplatz einen Joint rauchen (kennt ja keiner, nicht mal die Bullen). Ich leiste zu dieser Zeit mehr bekifft als nüchtern meinen Wehrdienst ab. Ich gehe auf LSD arbeiten in "meiner" Uhrenersatzteilfirma, ohne dass irgend jemandem meine großen Pupillen aufgefallen wären. Ich fahre im Nachthemd auf meinem Mofa Brötchen holen, wir können Musik machen oder hören, wann und wie laut wir wollen, ohne dass ein Nachbar unter die Decke klopft oder uns die Sicherungen rausdreht. Und: keiner von uns ist auf das Arbeitsamt angewiesen: jeder sorgt für seinen Unterhalt selber: ob als Taxifahrer, Musiker, Kellner, Discjockey, Verkäufer, Hilfsarbeiter, Kneipier, Musikmanager etc. - und mancher geht sogar einer normalen Tätigkeit nach.(es gibt tolle Jobs bei der Post und der Stadt, wenn man entsprechen verkleidet ist). Es gibt keinerlei Beschaffungskriminalität oder Ähnliches. Wobei wir sowieso der Meinung sind, dass unsere Eltern uns unseren Lebensunterhalt schulden: die haben uns ja schließlich in die Welt gesetzt! Einige von uns damals stürzen ab, verlieren sich, andere machen eine ganz eigene Art von Karriere durch - Stichwort: vom Revoluzzer zum Spießer. P.G. Hübsch hat solch einen Werdegang so treffend beschrieben, dass wir seinen Text als Song in unser 1. Programm aufgenommen haben. Leider ist es nie auf Platte  erschienen, aber ich habe eine alte Life-Aufnahme in meinem Fundus aufgetan und möchte ihn Euch trotz fehlender Qualität nicht vorenthalten: it´s all over now oder Billy von nebenan war ein ganz irrer Vogel...

 

Bernd, Walter und Curny mit Karlchen auf der Essener Kettwigerenn nichts Anderes
anliegt, dann ist nachmittags „Stadt-Gang“ angesagt: wir sitzen auf dem Burgplatz, werden von den Spießern begafft und begaffen die Spießer. Auf dem Bild rechts sieht man uns (vrnl Curny, Walter und Bernd mit Karlchen auf dem Arm) über die Kettwiger Strasse flanieren.

Für uns gibt es dennoch nur einige wenige, aber sehr wichtige Anlaufstellen in Essen. Zunächst die Kettwiger Strasse, das KZ (Kultuzentrum) in der City. Hier trifft man sich zum Diskutieren, zur Absprache von irgendwelchen Aktionen - und hier gibt´s für kleine Maus Warmes zum Essen - inkl. Tabasko und Sambal Olek.
Dann - für uns schon Wichtiger: das Jugendzentrum am Rande der City. Dort gibt der Leiter, Graf von Schmettow, (und später auch sein Nachfolger Günter Kropp) uns und vielen Essener Bands und Musikern eine Heimat: die Möglichkeit zu proben - da musste man nicht in einen feuchten kalten Keller -, und er stellt für Auftritte entsprechende Räume und Säle zur Verfügung, um das Geprobte vor Publikum einem ersten Härtetest zu unterziehen. Im JZ hält man zudem Kontakte zu den anderen Musikern - egal ob von Beatbands, Jazzformationen und Folk-Gruppen, Unsere ersten Konzerte bei Kerzenlicht und Rotwein mit den "Liedern von Nonnen, Toten und Vampiren" veranstalten wir im schönen kleinen Keller-Saal des JZ - ohne große Anlage, Kissen auf dem Boden, leise und akustisch: einfach toll.
 
Das hauseigene Kino ist angesagter Raum zum Knutschen und Fummeln - mit einem erstklassigem Programm, zusammengestellt und vorgeführt von H.-P. Hüster, der später die "Essener Filmtheaterbetriebe" gründet, zu dem neben vielen kleinen feinen Filmtheatern mittlerweile auch Deutschlands größter Filmpalast - die Lichtburg - gehört. Mit seinem damaligen Mitarbeiter Horst Horriar ("Messrs. Hulot") drehen wir in den Räumen des JZ den avantgardistischen Musik-Kurz-Film "Konzert für Rock-Band, Sinfonieorchester und elektrische Kaffemühle" - und einige Sequenzen für den Teebuetelhochebmaschinen-Film (z.B. die Schöpfungsgeschichte) entstehen in den Werkstätten des JZ - wo anders hätten wir so etwas sonst drehen können? (Mehr dazu im Kapitel TEHOMA, wo ausführlich und mehr über diese unsere "Film"-Arbeiten geschrieben steht).

Last not least - ganz in der Nähe des JZ - ist die WAZ-Lokalredaktion mit Thomas Rother als Redakteur und Jochem Schumann als freiem Mitarbeiter, wo  wir aus- und eingehen und quasi zum Inventar gehören - sehr zum Leidwesen der Abteilungssekretärin. Thomas Rother war Bernhards Haus- & Hoftexter und schrieb ihm vor unserer Zeit viele seiner Bergmannstexte wie "Wenn´s Arschleder zwickt" und war an Bernhards Ruf als "Protestsänger des Ruhrgebiets" maßgeblich beteiligt. Für uns schreibt er nun unter Anderem "Wenn das Karakulschaf blökt" und das wunderschöne "Lass uns auf die Reise geh´n" - und begleitet den Anfang unseres Weges journalistisch - was für die "Karriere" von W&W nicht grade abträglich ist. Sein Lied vom kleinen Revolutionär ist einer der "Kracher" in unserem 1. Programm und spiegelt unsere zwar bürgerschreckende, aber eigentlich unpolitische Grundhaltung wider:

Der kleine Revolutionär:

Dem Opa hacke ich das Holzbein an
Damit der Alte nicht mehr laufen kann
Dann stecke ich dem Opa das Holzbein in Brand
Dann haben wir wieder ein Feuer im Land

Der Oma nehme ich die Brille weg
Und schmier ihr auf die Gläser Dreck
Dann sagt sie Oma: Danke mein Kind
Ich bin ja sowieso schon fast blind

Der Schwester reiße ich die Puppe entzwei
Aus einem Holzpferd mache ich drei
Dann pinkel ich von unsrem Balkon:
Hurra, es lebe die Revolution!
Thomas Rother

P.S. Wer dies Lied mal hören will, hier ein Link zu einer Life-Version von und mit Walters "Dabbelju Jugband" aus dem Jahre 2010 hier geht´s ab direkt zum Video


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© 2000/2017 by Walter Westrupp - letzte Aktualisierung 13.09.2017