(Hunsrück)
Lass uns auf die Reise geh´n
andres Land zu suchen
(aus der LP Trips & Träume)
 ir
suchen über Bauern-Fachzeitschriften ein Haus – und werden tatsächlich
schnell fündig in Dill, einer 260-Seelen Gemeinde im Hunsrück. In das
leerstehende alte Bauernhaus des Bauern Plath ziehen wir 1971 mit
Sack und Pack und Instrumenten ein und können uns nach langer Zeit
endlich wieder auch mit uns selbst beschäftigen und versuchen, Ruhe zu
finden.
Das
ist es: alt, klein, schnuckelig am Ortsrand gelegen: dahinter nur noch
Felder und Wälder und Wiesen.
Unten
rechtes Fenster: Walters Zimmer, nach hinten heraus große Küche und
Badezimmer.
Oben
rechts: Musikzimmer, nach hinten Bernhards Privat-Separee.
Links
davor (verdeckt durch Walter und den Mist) die Außentoilette
Die
große Kirchentour ist vorbei, wir haben uns eingerichtet, die Bäuerin
hat uns einiges von dem Möbelfundus abgetreten, den sie auf dem Dach des
Hauses eingerichtet hat und auf den die durchziehenden Antiquitätenhändler
aus Belgien und Holland immer gerne einen Blick werfen, aber nicht zum Zug
kommen. Denn auch wenn man hier weitab vom Schuss lebt -
die Preise sind bekannt, und so eine echte Hunsrückbäuerin ist
nicht auf den Kopf gefallen.
Ruhe
tritt in unser Leben am Wegesrand, es wird ruhig, wirklich ruhig, es wird verdammt
ruhig. Es ist soviel Ruhe da, dass wir unruhig werden ob dieser Ruhe. Wir
können mit Ruhe gar nicht mehr umgehen, das müssen wir erst einmal
lernen. Immer haben wir das Gefühl, etwas vergessen zu haben oder noch
etwas
machen zu müssen.
Erst nach einigen Wochen merken wir, wie dieser
Stress von uns abfällt - wie dieses Gefühl verschwindet, noch dieses
oder/und jenes unbedingt tun zu müssen oder mitzumachen, weil man sonst
etwas verpassen könnte. Hier ist aber nix zu verpassen - wir fallen
in ein endlos tiefes absolut schwarzes Loch. Am Ende dieses Loches sitzen
wir nun und sagen: wir müssen was tun, mal wieder unter Leute kommen: wo
ist die Kneipe im Ort? Es gibt keine! Es gibt demzufolge auch keine Disco, es gibt kein
Kino, keine Pommesbude, keine Bude anne Ecke - nur Bauerhöfe und
Misthaufen... Dann nach Jahren der Einsamkeit: ein
Gerücht - ein Hinweis - ein himmlischer Fingerziig?: im
Nachbarort Niedersohren soll eine Kneipe sein. Hey Mann, also auf und los, 10
Minuten Fußweg (vorbei an der Ranch von Müllers Mühle) - dann ein
Fußballplatz - ein kleine Ansammlung von Häusern - eine Bier-Reklame. Keine Fa(n)ta Morgana,
sondern scheinbar - oder tatsächlich - eine Kneipe, ein Bistro, eine Wirtschaft, ein
Pub, ein Restaurant, ein wahnsinniges Etablissement - eine OASE: und sogar mit Leuten drin –
Stimmengemurmel dringt aus dem Fenster. Wir öffnen vorsichtig die Türe
und treten leise ein (aber dennoch zu laut): Totenstille, als wären wir
die Abgesandten des Gehörnten.
Augen zu und durch und ab zur Theke: 2 Bier – 2 Bier? wat sprecht ihr so
komisch - ah ihr seid nicht von hier! Auf der Durchreise? Nein, ihr
wohnt hier. In Dill. (Das ist echt ein Verhör - bin ich hier inner Kneipe
oder auf einer Polizeiwache...) Und vorher? Essen? ah ja Essen!
ESSSSENNNNN! Willi
– komma schnell, hier sind welche von Essen. NEINNN, nix Essen, die
Leute hier sind aus ESSSEEENNN. Klar, was war: die Wirtsleute kamen aus
Dortmund – nee, das war jetzt ´n Witz, natürlich auch aus Essen, und wir
Exoten haben auf Anhieb Blutsbrüder gefunden und sind plötzlich
mitten drin und voll dabei, und den anderen Gästen ist´s genehm und das
Gemurmel setzt wieder ein. Frei Trinken ist in dieser Nacht Ouzo - is doch
klar...
...und
der Heimweg ist dunkel und weit.
hne
Auto sind wir aufgeschmissen - abgeschnitten von der Außenwelt. Konzerte sind z. Zt. auch
so gut wie keine geplant: wir fühlen uns vergessen von Gott und der Welt.
Zu den wenigen Gigs, die wir augenblicklich wahrnehmen, fahren wir mit
einem Leihwagen – aber das Geld reicht grade mal für den Sprit und den
Wagen und den „Schwarzen Krausen“. Unsere Knete ist aufgezehrt – Rücklagen
habe wir nie gebildet. Werner (Bauer Plath) stundet uns die Miete
(irgendwann geht´s wieder aufwärts, Jungs), mittags wird uns eine warme
Mahlzeit von der Bäuerin nach oben gebracht, Abendbrot (aber hallo vom
feinsten) gibt´s unten im Neubau, wo der Bauer mit Frau, Tochter und
Schwester wohnte. Wir helfen auf dem Hof, wir packen an, wenn´s was zu
tun gibt, wir fahren mit dem Trecker raus und sind beim Schlachten
mittendrin, da die Vieh-Ställe neben unserem Haus liegen und unser alter
guter Kohle-Ofen in der Küche zum Wursten benutzt wird – und diese Würste
sind unübertroffen gut: frischeste hausgemachte Leber- und Blutwurst –
nie wieder habe ich so leckere Wurst gegessen – so etwas gibt´s nicht
mal in den Feinkostläden der Stadt zu kaufen (Dazu muss man
grundsätzlich wissen, dass der Eigenbedarf eines Bauern aus einer anderen
Ernte ist als das, was er nach draußen verkauft. B.P. baute für sich
ökologisch an, als es die Grünen noch garnicht gab. Aber eben nur für
sich selbst) Wie gesagt, wir packen mit an und sind mitten beim Schlachten
von Gunda der Sau, da kreuzt ein
Fernsehteam des SWF für eine Reportage auf. Vor unserem Haus hängt das frisch
geschlachtete aufgeklappte Schwein an der Leiter und die
Wanne mit Blut steht daneben, wir haben noch das Blut an den Händen und wir singen
aus voller Brust und mit tiefer Überzeugung vor dieser Kulisse das
passende tiefschürfende Lied: Wer das Scheiden hat erfunden, hat an Liebe nie
gedacht: sonst hätt´ er die schönsten Stunden in der Liebe zugebracht.
Die Sau nickte.
Ich
sitze und verbringe zu dieser Zeit schöne Stunden auf unsere Toilette: dem Häuschen mit dem
Herzchen in der Tür direkt neben dem Mistgrube. Von hier aus kann ich bei
geöffneter Tür in aller
Ruhe und Abgeschiedenheit die Katzenmutter beobachten, die ihren Jungen am
lebenden Objekt das Mäusejagen lehrt. Oder die Spinnen, die in den Ecken
dieses stillen Örtchens filigrane Schlauch-Netze gesponnen haben und bei
jeder Netz-Berührung herausgeschossen kommen (wo gibt´s das in der
Stadt?). Oder die Bienen, die aus der Jauchegrube unter mir an
meinem Hintern vorbei nach draußen an die frische Luft fliegen. Oder den
immergeilen Hahn mit seine Hühnerschar, die mit allemann unermüdlich den Misthaufen
umpicken: echte Lebensqualität.
m
30. April war dann nicht der Weltuntergang, sondern wir finden uns abends
auf dem Platz unter der Burgruine ein. In
dieser Ruine feiern
irgendwelche Millionäre aus Mainz einmal im Jahr „Ritterfest“ – als
Ritterleute verkleidet und mit vielen Burgfräuleins im Schlepp. Wir aber
sind heute von der Dorfjugend eingeladen zum Maifeuer. Es gab Bier und Schnaps (oder
umgekehrt) und es wird alles Mögliche verfeuert – auf dass es schön
moppllichg (zusammengezogenes neues Wort aus mollich und moppelig) warm ist und auch die Nachbardörfer seh´n, dass wir feiern.
Da - plötzlich und unerwartet - sehe ich eine alte gute Bekannte
wieder, die da ins lodernde Feuer geschoben werden
soll: meine über alles geliebte Klo-Tür. Mit Mühe kann ich grade noch
verhindern, dass dieses wirklich für uns lebenswichtig(st)e Teil, das mir
mit ihrem Herz mittlerweile
so ans Herz gewachsen ist, von den Flammen verzehrt wird. Natürlich muss
ich sie auslösen - herauskaufen
mit einen Kasten Bier (das Geschäft in der Dorfmitte hat für solche Fälle
einen Notdienst eingerichtet). Für eine weitere Flasche Schnaps bekomme
ich auch die Sitzbank, die eigentlich bisher vor unserem Haus steht,
wieder ausgehändigt. Was wir vorher eben nicht wussten: in der Nacht zum
1. Mai gehen die Jugendlichen an den Häusern und Stallungen vorbei und
sammeln alles Brennbare ein, was sich ohne Gewalt entfernen lässt (daher
war auch das ganze Dorf unterwegs und schaute interessiert in die Flammen
– und zu trinken gab es von daher reichlich). Denn wer nicht schnell
genug auslöst, muss neu kaufen! Daher jedes Mal eine komplizierte
Rechenaufgabe für jeden einzelnen Fall. Wir feiern bis in den frühen
Morgen und helfen dann, den Maibaum (mind. 150 m hoch) in der Dorfmitte
aufzurichten. Zum Glück waren einige da, die nicht ganz so besoffen sind
wir wir und die uns vorsichtig, aber bestimmend zur Seite abdrängen und
dieses Wunderwerk deutscher Baumkultur tatsächlich zum Stehen kriegen...
in
weiteres dörfliches Großereignis steht an. Wir machen die 1. Bauerhochzeit unseres Lebens
live mit: mit: die Tochter unseres Vermieters heiratet. Allein die
Vorbereitungen für so ein Fest dauern schon Wochen (weil das ja quasi
eine Dorfangelegenheit ist), und der Polterabend – Tag 1 der Hochzeit
-zieht sich von mittags bis tief in die Nacht hinein und ist nicht nur für
die Brautleute (der Container ist hinterher rappelvoll und die Mülltonnen
inkl. unserer auch mit den Scherben), sondern auch für uns ein recht
anstrengender Tag: wir gehören ja quasi zur Familie und müssen voll
mitziehen – Prosit hier und Hallo da und Ihr seid die und wir sind das
und toll und nett und trallala – und immer ein Schnäpschen dazu. Abends
geht es hinauf in´s Gemeindehaus (da passen tatsächlich alle 260
Einwohner rein!) und ich trinke – zu dem, was ich schon den ganzen Tag
reingeschüttet habe und was noch gar nicht richtig
weiterverarbeitet ist - zum ersten und einzigen Male in meinem
Leben Kommodenlack (Jägermeister, ca.
1 ½ Flaschen): ich bin ja sooooo schlecht – und irgendwann und
irgendwie auch weg.
Am
nächsten Morgen – dem eigentlichen Hochzeitstag - müssen wir morgens
irgendwo hin (weiß nicht mehr warum – wahrscheinlich ein Radio-Termin )
aber früh mittags sind wir wieder da und lernen jetzt beim Kaffeetrinken
Menschen kennen, die wir bis dato nur als Bauern mit Blaumann, Mütze und
Stiefeln kannten: die hatten sich mit Anzug, Weste, Schlips und Kragen und
schwarzen Lack- und Lederschuhen verkleidet. Und ach die Bäuerinnen hatte
Kittel und Kopftuch vertauscht mit ausgesucht geschneiderten Stoffen –
und alle rochen gut... Im Laufe des Nachmittags lockert sich diese
Kleiderordnung aber – vor allem bei den Herren der Schöpfung - zum
positiven, (erst oberer Hemdknopf auf, dann Jacke aus, Weste aufgeknöpft,
Ärmel kochgekrempelt, Schlips ab) und es wird gefeiert und gegessen und
getrunken und getanzt und erzählt und gesungen, eben wie man es aus den
alten Geschichten kennt.
iittlerweile
sind wir wieder mobil: wir haben uns von einem Bauern im Dorf einen alten
Ford gekauft, mit dem wir – wenn uns die Decke auf den Kopf fällt (also
so ca. alle 2 Monate) mal schnell nachmittags nach Essen düsen, die Nacht
durchmachen, bei Freunden schlafen und am nächsten Tag wieder zurück in
die Ruhe fahren. Den
Wagen haben wir mit Schultafellack gestrichen, und die Kinder des Dorfes
geben ihm nach jedem Regenguss mit bunter Kreide ein neues Outfit.
Zudem haben wir uns für den
Nahverkehr 2 Motorräder angeschafft: Bernhard ein NSU Max und ich eine Zündapp
100 mit Tankschaltung .
Bernhard
baut gleich auf der Jungfernfahrt mit dem nicht angemeldeten und
unversicherten Teil einen Unfall. Da ich keinen Motorrad-Führerschein
habe, fahre ich mit meiner Maschine zur Fahrschule (2 Orte weiter) und
nehme dort 1x je Woche am theoretischen Unterricht teil. Für den
praktischen Teil (Fahrlehrer: ich muss ja wenigsten mal gesehen haben, ob
Sie den Arm richtig raushalten können beim Abbiegen) verabreden wir uns
in Simmern, Kreisstadt und Heimat des bekannten Schinderhannes. Ich fahre
wohl recht gekonnt und damit zufriedenstellend hinter dem Fahrschulwagen
her und werde daher zur Prüfung gemeldet. Der theoretische Teil wird in
einer Kneipe abgehalten – zum Praxisteil geht´s (logisch) nach draußen.
Als der TÜV-Mann meine Maschine sieht, ist er hin und weg: das ist das
gleiche Modell wie sein aller erstes selbst bewegtes Fahrzeug
(wahrscheinlich ist er mit 12 schon damit über den Bauerhof gebrettert
und hat Hennen gescheucht): kann ich mal ne Runde fahr´n. Klar – weg
ist er. Nach ½ Stunde kommt er wieder, glänzende Augen, sagt: Komm
Junge, fahr mal ne 8. Ich fahr ´ne 8 und hab meine
Schein (der mich mit Anmelde-, Prüf- und sonstigen Gebühren
schlappe 240,- DM gekostet hat!). Jetzt können wir mal schnell nach Mainz
oder Koblenz, können andere Gruppen besuchen (Kraan, Guru Guru und alle
die, die sich auch aus der Stadt entfernt haben – also fast alle), aber
auch zu Konzertbesuchen nach Mainz ins Unterhaus - Konkurrenten gucken)
oder nach Düsseldorf zu Roxy Music etc.
atürlich bekommen wir auch
Besuch: meine Mutter besucht mich (ich muss doch wissen, wo mein Junge ist
und wie er lebt).
• Die alten Kumpels aus Essen schauen vorbei: Hey Mann, kann ich mal ein paar
Tage bei euch wohnen? Klar.
• Fans kommen vorbei: Ey hörtma, wieviel Ebenen hat eigentlich die Schöpfungsgeschichte?
Mindestens 7? Boahh.
• Dieselfahrer-Fans: kann ich mal an eurem Heizölfass volltanken – stinkt
zwar, is aber billiger als anner Tanke (klar, die haben uns garnix gegeben).
• Unsere Produzenten RUK und Gille L. (Bild rechts mit Bauer Plath etc.)
kommen natürlich des Öfteren (Kontrolle oder Sehnsucht - war nicht
auszumachen), oft mit irgendwelchen Leuten im Schlepptau
• Reporter, Fernsehen, einmal – bei der von der Plattenfirma veranstalteten
„Rapunzel“-Tour - sogar eine Busladung voll mit Schreiberlingen aus der
Pop- und Musikwelt
• Die Bravo(?) schickt die Gewinnerin eines von mir entworfenen
W&W- Kreuzworträtsels vorbei: sie hat 1 Tag bei W&W gewonnen (incl.
Kuhstallbesichtigung mit uns und Bauer Plath) - was kann es Schöneres
geben?
Da hatte sie was für´s Leben...
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